Symbolbild

Spanking & Disziplin

Das Schuldbuch in Leopolds Werkstatt

Das Schuldbuch war ein Geschäftsbuch aus dem Papierwarenladen, schwarzer Einband, rotes Lesebändchen, und es lag in der obersten Schublade von Leopolds Hobelbank, wo es zwischen Schleifpapier und Bleistiften friedlicher aussah, als es war. Roswitha schlug es um Viertel nach sieben auf, setzte die Brille auf und räusperte sich.

„Einträge seit dem ersten Oktober. Soll ich vorlesen, oder willst du dich vorher setzen?“

„Ich stehe lieber“, sagte Leopold. „Aus Prinzip.“

„Das ist Eintrag eins. Prinzipienreiterei.“

Er seufzte. Er war sechsundvierzig, Tischler, ein breiter, freundlicher Mann mit Sägemehl im Bart, der in seinem Betrieb elf Gesellen herumkommandierte und zu Hause an Roswithas Seite etwas ganz anderes fand: Ruhe. Sie war dreiundvierzig, Steuerberaterin, und kein Zahlendreher war ihr je entgangen. Das galt auch für ihn.

„Montag“, las sie. „Einkauf vergessen. Die Milch. Zum dritten Mal in vierzehn Tagen. Strafe: drei Punkte.“

„Das war ein stressiger Tag.“

„Mittwoch. Auf meine Nachfrage, ob du die Heizung repariert hast, die Antwort: Das wird schon. Zwei Punkte, weil es erst in dieser Woche wirklich geschah.“

„Das ist kleinlich.“

„Freitag.“ Sie hob den Blick über den Brillenrand. „Auf meine Bemerkung, du habest neuerdings einen sehr hübschen Bauch, hast du gesagt: Ich arbeite daran. Das war eine Frechheit. Vier Punkte.“

Leopold musste lachen, und sie lachte mit, kurz, und fing sich wieder.

„Zusammen sind es neun Punkte“, sagte sie. „Das ist vereinbarungsgemäß ein Zahltag. Du kennst die Regeln?“

„Das Wort ist Hobel. Gelb heißt langsamer, Rot heißt Schluss.“

„Gut.“ Sie klappte das Buch zu. „Ich möchte es noch einmal hören. Du kannst jederzeit.“

„Ich weiß, Roswitha.“

„Dann“, sagte sie sanft, „leg dich über den Hocker.“


Es war kein langer Zahltag. Sie hatte Neun vereinbart und hielt sich daran, jede einzelne klar, mit der flachen Hand und einem Rhythmus, der ihm das Atmen beibrachte, wenn er es vergaß. Dazwischen sprach sie, ruhig, genau, wie sie es bei Steuererklärungen tat. „Eins. Für die Milch. Zwei.“ Er ächzte, einmal, lachte und ächzte noch einmal. Als sie bei sieben war, fragte sie: „Gelb?“, und er sagte „Grün“, mit einer Stimme, die gar nicht nach Tischler klang. Bei neun hörte sie auf.

Sie wartete einen Augenblick. Dann legte sie die Hand flach auf seinen Rücken und ließ sie ruhen, warm und schwer, bis sein Atem sich beruhigt hatte.

„So“, sagte sie leise. „Schuld beglichen.“

Leopold richtete sich langsam auf, wischte sich über das Gesicht und lächelte schief. „Das war gerecht.“

„Das war es.“ Sie holte eine Decke vom Haken und legte sie ihm um die Schultern, danach ein Glas Wasser und ein Stück Schokolade aus der Schürzentasche, das sie dort vorsorglich versteckt hatte. „Trink. Setz dich. Und jetzt darfst du mir sagen, was war gut und was war zu viel.“

„Gut war alles“, sagte er. „Zu viel war die Sache mit dem Bauch.“

„Die Sache mit dem Bauch“, sagte Roswitha ernst, „streiche ich. Ein Mann ist kein Hobel, und ich habe den Eintrag nur wegen des Reims gemacht.“

„Es hat sich nicht gereimt.“

„Dann eben aus Prinzip.“

Er schlang die Arme um sie, mitsamt Decke und Schokolade, und sie ließ es geschehen. Das Schuldbuch lag zugeklappt auf der Hobelbank, das rote Band wie eine kleine Zunge zwischen den Seiten, und die erste leere Zeile der nächsten Woche wartete schon darauf, gefüllt zu werden.

◆
MS
Mira Sommer

Erzählt von Vertrauen, Geduld und dem Moment, in dem aus Neugier Hingabe wird. Warm, genau und mit Sinn für Details.

Das könnte dir auch gefallen

Spanking & Disziplin

Strafzettel für Otto

Otto sammelt Parkknöllchen, Imke sammelt Beweise. Als der Stapel eine Handbreit hoch ist, verhängt sie ein Urteil, das beiden mehr Spaß macht, als sie zugeben.

Jule Wagner · 3 Min. Lesezeit
Spanking & Disziplin

Sauerteig und Hausordnung

Um vier Uhr morgens knetet Gudrun Teig, um fünf führt sie Buch. Kilian hat zu spät aufgeheizt, und die Backstube hat ein sehr gutes Gedächtnis.

Jule Wagner · 3 Min. Lesezeit
Spanking & Disziplin

Zugzwang im Hinterzimmer

Hedwig verliert nie beim Schach, außer gegen Justus, wenn er es darauf anlegt. Dann gilt die Hausregel Nummer elf, und die hat es in sich.

Mira Sommer · 3 Min. Lesezeit