
Symbolbild
QueerEin Abend ohne Keller
Der Abfluss gab um halb sieben endgültig auf. Gerrit stand in Gummihandschuhen im Bad, den Kopf unter dem Waschbecken, und sagte Dinge, die er sonst nur im Straßenverkehr sagte.
„Wir müssen in anderthalb Stunden los“, rief Rafael aus dem Flur. Er trug bereits die enge schwarze Hose, die er nur für die Clubnacht anzog, und hielt zwei Lederarmbänder in der Hand wie ein Mann, der seine letzten Argumente zählt.
„Der Klempner kommt erst morgen.“
„Ich rede nicht vom Klempner. Ich rede vom Club.“
Gerrit tauchte auf, mit einem Büschel Haare an der Zange, und sah seinen Mann an. Vierzig, graue Schläfen, Rafaels Lieblingsbrille auf der Nase. Beide dachten im selben Moment dasselbe: dass sie sich seit drei Wochen abends nur noch Notizen hinterließen. Milch gekauft. Müllsack raus. Liebe dich.
„Weißt du was“, sagte Gerrit langsam. „Ich habe keine Lust auf Club.“
Rafael öffnete den Mund, um zu protestieren, und schloss ihn wieder. „Ehrlich gesagt“, sagte er, „ich auch nicht.“
Sie sahen einander an und lachten, bis Gerrit sich auf den Badewannenrand setzen musste.
„Dann machen wir den Keller heute bei uns“, sagte Rafael. „Ohne Keller.“
„Das ist ein ziemlich unsinniger Satz.“
„Es ist ein ziemlich guter Plan. Geh duschen. Ich bin in zwanzig Minuten fertig.“
Gerrit gehorchte, was ihn selbst überraschte. Als er zurückkam, hatte Rafael das Wohnzimmer verwandelt: Das große Licht war aus, auf dem Sofatisch brannten sechs Teelichter, das Plaid lag bereit, und aus dem Lautsprecher kam diese eine Platte, die sie schon bei ihrem ersten Umzug aufgelegt hatten. Auf dem Boden vor dem Sofa lag ein Kissen.
„Dort“, sagte Rafael und zeigte darauf.
„Ist das ein Befehl oder ein Vorschlag?“
„Beides. Du darfst entscheiden, welches du lieber magst.“ Er hob eine Augenbraue. „Aber ich merke, wenn du schummelst.“
Gerrit kniete sich auf das Kissen. Er war es nicht mehr gewohnt, von unten zu schauen, und merkte, wie sich sein Magen dabei zusammenzog, nicht vor Angst, sondern vor Vorfreude. Rafael ließ sich aufs Sofa sinken, die Füße in den Wollsocken, und musterte ihn eine Weile, ganz ohne Eile.
„Weißt du, was ich an dir mag?“
„Meine Geduld mit Abflüssen?“
„Dass du immer so tust, als wärst du der Vernünftige.“ Rafael beugte sich vor. „Heute bist du es nicht. Heute bist du nur mein Mann, der sich ausruhen darf.“
Es war ein einfacher Satz. Gerrit schloss die Augen, und das Wohnzimmer rückte weit weg: die Rechnungen, die Teamsitzung, der halbe Tag mit der Zange. Rafael griff ihm ins Haar, nicht fest, nur so, dass Gerrit wusste, wo er hingehörte, und begann, ihm vorzulesen. Aus dem dicken Roman, den sie beide bestimmt schon viermal angefangen hatten. Mit verstellter Stimme, jede Figur eine andere. Die Schurkin klang wie Gerrits Mutter, und Gerrit prustete in seine Hände.
„Konzentration“, sagte Rafael streng. „Sonst höre ich auf.“
„Bitte nicht.“
„So höflich.“ Er klappte das Buch zu. „Dann lege ich den Kopf zurück und du massierst mir die Füße. Zehn Minuten, ohne zu reden.“
„Und wenn ich rede?“
„Dann sind es zwanzig.“
Gerrit redete absichtlich nach drei Minuten, und Rafael seufzte tief zufrieden. Später aßen sie kalte Pizza von gestern, Rafael fütterte ihn mit der Hand, und beide taten, als wäre das eine Zeremonie. Gegen elf lagen sie unter dem Plaid, die Kerzen heruntergebrannt, die Platte längst zu Ende.
„Das war besser als jeder Club“, murmelte Gerrit.
„Es war der Abfluss.“
„Dann danken wir dem Abfluss.“
Sie schliefen ein, bevor einer von ihnen aufstand, um das Licht auszumachen. Am nächsten Morgen kam der Klempner und fand in der Küche zwei Männer, die einander beim Zähneputzen zuzwinkerten.


