
Symbolbild
FKK & UrlaubStrandkorb vierzehn am Nordstrand
„Hast du schon mal einen nackten Menschen gesehen, der Angst vor einem Handtuch hatte?“, fragte Dörte.
„Ich habe es nicht mit Angst“, sagte Piet. „Ich habe es mit Würde.“
„Du stehst seit einer Viertelstunde am Dünenübergang und hältst das Handtuch wie eine Fahne.“
Der Strand lag vor ihnen, weit und hell, mit Sand, der unter der Septembersonne beinahe weiß wirkte. Ein Stück weiter links tauchte ein älterer Herr mit Zeitung und Strohhut aus einem Strandkorb auf und spazierte, ohne eine Spur von Eile, ans Wasser. Eine Frau mit grauem Zopf las ein Taschenbuch. Es war still, bis auf die Möwen und das leise, gleichmäßige Atmen der Ostsee.
Piet war zweiundfünfzig, Tierarzt, und hatte in seinem Berufsleben Dutzende Kühe in unbequemen Lagen gesehen. Er selbst fühlte sich in diesem Moment unbequemer als jede von ihnen.
„Wir haben das besprochen“, sagte Dörte sanft. „Wir probieren es. Und wenn es nichts für dich ist, ziehen wir uns an und essen Fischbrötchen. Das ist der Plan.“
„Und wenn es etwas für mich ist?“
„Dann essen wir Fischbrötchen, und du bist hinterher braun.“
Er lachte, zum ersten Mal an diesem Tag, und merkte, wie sich etwas in seinen Schultern löste. Sie hatte die Gabe, Dinge klein zu machen, ohne sie lächerlich zu machen. Er mochte das an ihr, seit dem ersten Abend im Sommer.
Sie breiteten die Tücher aus, vor einem Strandkorb mit der Nummer vierzehn. Dörte zog sich aus, ohne Getue, faltete ihr Sommerkleid zu einem sauberen Quadrat und legte sich auf den Bauch. Piet brauchte etwas länger. Als er fertig war, setzte er sich hin, die Arme um die Knie, und sah aufs Meer, als hätte er dort etwas zu erledigen.
„Und?“, fragte sie.
„Es ist … windig.“
„Das ist die Ostsee. Die kann das.“
„Ich dachte, es würde peinlicher sein.“
„Und?“
„Es ist nur schön“, sagte er verwundert. „Es ist einfach nur eine große, ruhige Luft auf der Haut.“
Sie drehte den Kopf zu ihm und lächelte, und in diesem Lächeln war so viel Zufriedenheit, dass er den Blick nicht abwenden konnte. Sie sah aus wie jemand, der immer schon hier gelegen hatte.
Eine Weile sprachen sie nicht. Dann fragte sie: „Würdest du mir den Rücken eincremen? Ich verbrenne sonst wie eine Krabbe.“
Er nahm die Flasche. Die Creme war kühl, und seine Hände waren es nicht. Er begann zwischen ihren Schulterblättern, ganz langsam, mit großen Kreisen, wie man ein Pferd beruhigt. Sie atmete tief aus. Er spürte die Wärme ihrer Haut unter seinen Handflächen, jede Linie, jede Sommersprosse, den Weg der Wirbelsäule hinunter.
„Wenn du so weitermachst“, murmelte sie, „schlafe ich ein.“
„Dann schlafe.“
„Das war ein Befehl“, sagte sie träge, „und ich mag Befehle von dir. Behalt das im Hinterkopf.“
Er schwieg, die Hände ruhig auf ihrem Kreuz, und merkte, dass er lächelte.
Am Nachmittag gingen sie zusammen ins Wasser, das kalt und klar war, und kreischten wie Teenager, weil es so kalt war. Der Herr mit dem Strohhut hob die Zeitung zum Gruß. Piet hob den Arm zurück, ohne nachzudenken.
Als sie am Abend den Weg zur Strandbude hinaufgingen, mit sandigen Füßen und salzigen Haaren, nahm Dörte seine Hand.
„Und?“, fragte sie. „Fischbrötchen oder Fischbrötchen?“
„Beides“, sagte Piet. „Und morgen früh noch einmal Strandkorb vierzehn. Ohne Handtuch-Fahne.“


