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Uniform & Rollenspiel

Sprechstunde nach neunzehn Uhr

Beate hatte den Kittel aus einem Kostümverleih in Moabit, und er saß besser als jeder, den sie je im Krankenhaus getragen hatte. Das Stethoskop dagegen war echt, ein Erbstück ihrer Tante, die Kinderärztin gewesen war und über diesen Verwendungszweck sicher geschmunzelt hätte. Im Flur des Wohnzimmers, das für heute Abend „Wartezimmer“ hieß, hatte sie drei Stühle aufgestellt und einen Stapel alter Zeitschriften ausgelegt.

Es klingelte um Punkt neunzehn Uhr. Sie ließ ihn zwei Minuten stehen, dann öffnete sie.

„Guten Abend, Herr Brandl“, sagte sie, die Stimme eine Spur tiefer als sonst. „Sie sind der letzte Termin.“

Elmar, siebenundvierzig, hielt einen Hut in den Händen, den er sich eigens besorgt hatte. „Frau Doktor, ich habe seit Wochen diese Verspannung. Hier.“ Er deutete vage auf seine Schulter. „Und manchmal wird mir ganz heiß, wenn ich an meine Ärztin denke. Ist das behandelbar?“

„Das ist in der Regel eine Frage der Dosierung.“ Sie ließ ihn eintreten und deutete auf den Küchenhocker, der heute „Behandlungsliege, klein“ hieß. „Setzen Sie sich. Jacke aus. Und nehmen Sie die Hände von der Hutkrempe, Sie zerdrücken sie.“

Er gehorchte. Sie sah, wie er schluckte, und hängte sich das Stethoskop um den Hals, ganz langsam, damit er jede Bewegung mitbekam.

„Vorher“, sagte sie, „die Formalitäten.“ Sie nahm ein Klemmbrett von der Kommode. Darauf stand, in ihrer eigenen Handschrift, ein Formular mit der Überschrift Anamnese. Punkt eins: Ampel bleibt grün, gelb heißt langsamer, rot heißt Ende, und zwar sofort. Punkt zwei: Worüber wir nicht spielen. Punkt drei, mit einem Herzchen versehen, das sie später am liebsten wegradiert hätte: Hinterher Tee.

„Unterschreiben Sie bitte.“

„Ich wusste nicht, dass Ärztinnen heute so gründlich sind.“

„Wir sind neuerdings sogar versichert.“ Er unterschrieb, und sie las seine Zeile, bevor sie lächelte. „Gut. Dann zum Befund.“

Sie trat hinter ihn, legte beide Hände auf seine Schultern und drückte mit den Daumen in den Muskel, genau dorthin, wo er wirklich verspannt war. Er stöhnte auf, ein ehrlicher, viel zu lauter Laut.

„Aha“, sagte Beate. „Das wäre dann geklärt. Sie sitzen zu viel und denken zu wenig an sich.“

„Ich denke ziemlich viel an mich.“

„Reden Sie nicht dazwischen, wenn ich untersuche.“ Sie führte das kalte Stethoskop unter sein Hemd, aufs Brustbein, und sah auf die Wanduhr, als zählte sie. In Wahrheit zählte sie, wie oft sie selbst ausatmete. „Ihr Puls ist unregelmäßig.“

„Das ist die Nähe zur Behandelnden.“

„Das ist eine Frechheit, die ich notieren werde.“ Aber sie lachte dabei, und er lachte mit, bis sie die Hand hob. „Ernst jetzt. Hemd aus, Herr Brandl.“

Er sah sie an. Ihre Stimme hatte sich verändert, nur ein bisschen, und darin lag die zweite Frage, die sie beide kannten. Er nickte zum Zeichen seiner Ampel. Grün.

„Selbstverständlich, Frau Doktor.“

Als das Hemd über dem Stuhl hing, ging sie langsam um ihn herum, das Klemmbrett an die Brust gedrückt, und schrieb etwas auf, das er nicht lesen durfte. Später würde er erfahren, dass dort stand: Patient verdient Belohnung. In diesem Augenblick wusste er nur, dass ihm warm war, dass der Raum nach Kamille und frischer Wäsche roch und dass seine Ärztin ein Rezept ausstellte, sehr gewissenhaft, auf einem Block mit dem Wort Küchenzettel oben drauf.

Zwei Mal täglich, vorzugsweise abends: eine Stunde Aufmerksamkeit. Bei Bedarf dreimal.

„Das kann ich unmöglich einlösen“, sagte Elmar, als sie ihm den Zettel reichte.

„Doch. In meiner Apotheke.“ Sie nahm seine Hand, führte ihn zum Flur, vorbei an den drei Stühlen, hin zur Schlafzimmertür, auf die sie ein Schild gehängt hatte: Behandlungsraum 2. Bitte nicht stören.

An der Schwelle blieb er stehen. „Beate.“

„Ja?“

„Danke für den Abend.“

Sie schob ihm das Haar aus der Stirn, die Ärztin für einen Moment ganz Frau, ganz sie selbst. „Gern geschehen. Aber wir sind noch nicht fertig, Herr Brandl.“ Sie öffnete die Tür. „Die Nachsorge dauert mindestens bis zum Morgen.“

Hinter ihnen knisterte der Teekessel in der Küche, den sie vorsorglich aufgesetzt hatte, und irgendwo auf der Kommode lag der Hut, vergessen, ein wenig zerdrückt.

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LF
Lena Falk

Schreibt über Stimmen, Rollen und die Macht der leisen Töne. Ihre Geschichten spielen gern zwischen Büro, Telefon und später Abendstunde.

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