
Symbolbild
Uniform & RollenspielDer Nachtbesucher und die Bibliothekarin
Die Lampen auf den Lesetischen waren grün und gaben dem Wohnzimmer das Licht einer Universitätsbibliothek um halb elf. Leontine hatte die Regale ihres Mannes umgeräumt, die Bände nach Farben sortiert, und im Eingang einen Schreibtisch aus zwei Kisten und einem Bügelbrett aufgebaut, auf dem ein Stempelkissen und ein Karteikasten standen. Sie trug Rock, Bluse und Strickjacke, die Brille an einer Kette, das Haar zu einem Knoten, aus dem sich absichtlich eine Strähne löste.
Es klopfte dreimal an die Wohnungstür. Sie öffnete, und Hartwig stand dort, den Mantelkragen hochgeschlagen, mit einem Buch unter dem Arm.
„Wir haben geschlossen“, sagte sie.
„Ich weiß. Ich habe etwas dabei.“ Er hielt ihr den Band hin. „Ich bin vier Monate überfällig.“
„Vier Monate und elf Tage.“ Sie nahm das Buch, schlug es auf und las die Karte. „Anatomie der Geduld. Eine sehr passende Wahl.“
„Ich dachte, die Strafe falle dann milder aus.“
„Sie dachten falsch.“ Sie ließ ihn eintreten, schloss ab und drehte den Schlüssel zweimal herum, mit einem Klang, den sie sich seit Wochen zurechtgelegt hatte. „In dieser Bibliothek gelten Regeln. Erstens: Wir sprechen leise. Zweitens: Wir fassen nichts an, was uns nicht gehört. Drittens: Es gibt ein Wort, das jede Ausleihe sofort beendet. Wie lautet es?“
„Fotokopierer“, sagte Hartwig, ohne den Anflug eines Lächelns.
„Sehr gut.“ Sie legte die Brille zurecht. „Dann beginnen wir mit der Mahngebühr.“
Er war vierundvierzig und Gerichtsgutachter und lebte vom Zweifeln. Hier zu stehen, vor ihrem Bügelbrett, und ihr einen Schein zu übergeben, der nur ein bunter Zettel mit der Aufschrift Gutschein für zwei Stunden war, entspannte ihn so sehr, dass er fast lachen musste. Sie stempelte den Zettel, langsam und mit der Präzision einer Frau, die Stempel liebte.
„Das genügt nicht“, sagte sie.
„Was verlangen Sie noch?“
„Dass Sie mir zeigen, dass Sie lesen können.“ Sie reichte ihm ein Blatt, auf dem ein Satz stand, in ihrer sauberen Handschrift. „Laut. Und ohne zu stottern.“
Er las: „Ich verspreche, Bücher künftig pünktlich zurückzubringen und der Bibliothekarin mit dem gebührenden Respekt zu begegnen.“ Er sah auf. „Das ist eine Zumutung.“
„Es ist ein Vertrag.“ Sie ging um den Tisch herum und stellte sich vor ihn, ihre Strickjacke streifte seinen Ärmel. „Und Verträge werden eingehalten, Herr Hartwig. Jetzt die Hände.“
„Welche Hände?“
„Beide. Hinter den Rücken.“ Als er es tat, spürte er etwas Weiches um die Handgelenke, eine Seidenkordel, locker und kaum fester als ein Schal. Sie prüfte die Schlaufe mit zwei Fingern. „Zu eng?“
„Nein.“
„Sagen Sie es, wenn sich das ändert.“ Sie trat zurück, und die Stimme der Bibliothekarin wurde um einen Hauch wärmer, nur für einen Satz. Dann kehrte sie wieder zurück. „Wir sind im Lesesaal, Herr Hartwig. Hier herrscht Ruhe.“
Sie zog ein Buch aus dem Regal, setzte sich auf die Sofalehne und begann, ihm vorzulesen. Es war ein Gedicht, kein erotisches, nur ein altes, über Meer und Nebel, aber ihre Stimme machte etwas daraus, das ihm die Härchen im Nacken aufrichtete. Zwischen den Strophen sah sie ihn über die Brille an, jedes Mal ein wenig länger.
„Sie atmen laut“, sagte sie.
„Ich bemühe mich, Frau Bibliothekarin.“
„Das genügt nicht.“ Sie klappte das Buch zu. „Aber ich bin kulant.“ Sie löste die Kordel, strich einmal über seine Handgelenke, die kaum eine Spur trugen, und sagte leise, aus der Rolle heraus: „Alles gut?“
„Alles gut.“
„Dann beginnt jetzt die Nachtausleihe.“ Sie nahm seine Hand, löschte die grüne Lampe und führte ihn Richtung Schlafzimmer. „Dort hinten stehen die Bücher, die man nicht ausleiht, sondern bei mir liest.“
Er folgte ihr, das Buch Anatomie der Geduld ließ er auf dem Bügelbrett liegen, den Stempel daneben, noch feucht, mit dem Datum des Tages.


