
Symbolbild
Uniform & RollenspielKapitän auf der Havel
Das Boot hieß Seeschwalbe und maß elf Meter, was auf der Havel als stattliches Schiff durchging. Fridtjof hatte es für ein Wochenende gemietet, dazu eine Kapitänsmütze mit goldenem Anker, die ihm eine Nummer zu groß war. Er stand am Steg, die Daumen im Gürtel, und sah aus wie ein Mann, der ein Kostüm erst noch glauben muss.
Meike kam mit einem Seesack und einem hellblauen Kleid den Steg entlang. „Permission to come aboard, Käpt'n?“
„Das heißt auf Deutsch ‚Erlaubnis zum Anbordkommen‘, und die wird erteilt.“ Er reichte ihr die Hand, fest, wie ein Kapitän es tut. „Sie sind die Passagierin von Kabine drei?“
„Es gibt nur zwei Kabinen.“
„Dann sind Sie die in Kabine zwei.“ Er räusperte sich, und sie sah, wie er sich konzentrieren musste, nicht zu grinsen. „An Bord gelten Regeln.“
„Ich ahne es.“
„Regel eins: Der Kapitän hat immer recht. Regel zwei: Wenn Sie ‚Anker‘ rufen, wird sofort angelegt, ganz gleich, wo wir sind. Regel drei: Sie gehorchen, solange Sie sich dabei gut fühlen.“
„Das ist die humanste Schiffsordnung, die ich je gehört habe.“
„Ich bin auch ein humaner Kapitän.“ Er löste die Leine. „Bis jemand meine Befehle missachtet.“
Die erste halbe Stunde ging es ruhig dahin. Das Wasser glänzte grau-silbern, Schilf strich am Rumpf vorbei, und ein Angler auf einem Steg hob zum Gruß die Hand, ohne zu ahnen, welches Schauspiel an Bord geboten wurde. Fridtjof steuerte mit der Würde eines Mannes, der soeben sein erstes Boot übernommen hat, was zutraf. Meike saß auf dem Vordeck und sonnte sich, ohne zu fragen.
„Passagierin“, rief er nach hinten. „Sie sitzen auf meiner Taurolle.“
„Dann ziehen Sie sie unter mir weg.“
„Das ist Meuterei.“
„Das ist Sonnenbaden.“
Er stellte den Motor auf Leerlauf, ließ das Boot treiben und kam nach vorn, die Mütze gerade gerückt. Er war fünfundfünfzig, Lehrer für Latein und Geschichte, und hatte seine Frechheit nach Feierabend eigens für diesen Tag aufgespart. „Aufstehen.“
Meike stand auf, langsam, mit dem Kinn ein bisschen hoch. Er musterte sie, wie man ein Segel auf Risse prüft. „Sie tragen kein Tau, kein Kappmesser, keine Weste. Das ist fahrlässig.“
„Ich vertraue meinem Kapitän.“
„Dann beweisen Sie es.“ Er nahm eine rote Rettungsweste und legte sie ihr um, zog die Schnallen straff, prüfte jeden Gurt mit zwei Fingern. Seine Hände waren warm, sein Atem ging etwas schneller, und sie spürte, dass dies nicht mehr nur Spiel war, sondern etwas, das darunter lag, wie der Grund unter dem Wasser. Die Weste fühlte sich an wie eine Umarmung mit Regeln.
„So“, sagte er heiser. „Ich übernehme jetzt die Verantwortung für Sie.“
„Sehr gern, Käpt'n.“
„An Bord wird nicht gesprochen, ohne zu fragen.“
„Darf ich fragen, ob ich sprechen darf?“
„Sie dürfen.“
„Dann frage ich: Wo gibt es hier Kaffee?“
Er lachte, laut, brach seine eigene Rolle für zwei Sekunden und fing sie wieder ein. „In der Kombüse, aber den bringe ich Ihnen. Setzen Sie sich, Passagierin.“
Er brachte ihn, heiß in zwei Blechbechern, setzte sich zu ihr und ließ das Boot weiter treiben. Sie schwiegen eine Weile, nebeneinander an der Reling, und zwischen ihnen lag etwas Ruhiges, Vertrautes. Dann legte er ihr, ohne ein Wort, den Arm um die Schultern, zog sie leicht an sich und sagte in ihr Haar: „Alles in Ordnung bei Ihnen?“
„Alles in Ordnung, Käpt'n.“
„Gut. Dann legen wir am Abend an, in der kleinen Bucht, wo uns keiner kennt.“ Er drückte ihr einen Kuss aufs Haar. „Und dann, Frau Meike, bekommen Sie die Kajüte gezeigt. Mit allem, was dazugehört.“
Irgendwo über ihnen kreischte eine Möwe, die sich im Revier geirrt hatte, und das Boot schaukelte sanft, als lachte es mit.


