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Reihe: Nachtfrequenz · Teil 2 von 3

Nachtfrequenz – Teil 2: Wunschlied für Verena

In der zweiten Woche begann Ruben, den Fencheltee durch Kaffee zu ersetzen, weil er plötzlich nicht mehr ruhig schlafen wollte, bevor sie angerufen hatte.

Verena meldete sich jeden Abend zur gleichen Zeit, kurz nach drei, und aus den kurzen Gesprächen waren lange geworden. Sie sprachen über alles: über seinen Vater, der Funker gewesen war, über ihre Mutter, die jeden Sonntag Quarkkuchen backte, und über die kleinen, verrückten Dinge, die man nur nachts sagt. Er wusste jetzt, dass sie ihren Kaffee mit zu viel Milch trank, dass sie schlecht in Mathe und gut im Zuhören war und dass sie, wenn sie lächelte, beim Reden ein bisschen schneller wurde.

An diesem Donnerstag legte er für sie ein Lied auf, ohne es anzusagen. Ein altes, langsames Stück, Klavier und eine raue Frauenstimme.

„Das war für jemanden“, sagte er danach ins Mikrofon, „der weiß, wer er ist.“

Dreißig Sekunden später blinkte die zweite Leitung.

„Das war unfair“, sagte Verena. Ihre Stimme klang belegt.

„Es war ein Wunschlied.“

„Ich habe mir nichts gewünscht.“

„Doch“, sagte er sanft. „Letzte Woche. Beiläufig. Sie sagten, Sie hätten dieses Lied zuletzt gehört, als Sie noch jemand waren, der sich traut.“

Sie schwieg. Er hörte, wie sie sich bewegte, ein Rascheln, das Knarren eines Sessels. Er stellte sich vor, wie sie dasaß, vielleicht in einer Decke, die Knie hochgezogen.

„Ruben“, sagte sie schließlich. „Darf ich etwas Persönliches sagen?“

„Immer.“

„Wenn Sie sprechen, passiert etwas mit mir. Nicht nur Trost.“ Sie wählte jedes Wort sorgfältig, wie eine Frau, die über dünnes Eis geht. „Ich merke, dass ich ruhiger werde. Dass ich auf Sie höre, ganz anders als sonst. Wenn Sie sagen: ‚Atmen Sie aus‘, dann tue ich es. Einfach so.“

Er spürte, wie sich seine Hand um den Telefonhörer schloss. „Das freut mich“, sagte er vorsichtig.

„Das ist es nicht allein.“ Sie lachte nervös. „Ich glaube, ich … mag es, wenn Sie mir sagen, was ich tun soll. Ich meine, nicht im Ernst. Nicht im Alltag. Aber hier, in dieser Stunde. Ist das seltsam?“

Ruben lehnte sich zurück und sah zur Studiodecke. Er dachte an die vielen Jahre, in denen seine Stimme ein Werkzeug gewesen war, eine Dienstleistung, ein Teppich, auf dem andere gehen konnten. Und nun sprach jemand mit ihm, als sei sie ein Instrument, das nur er stimmen durfte.

„Nein“, sagte er. „Das ist nicht seltsam. Das ist ehrlich.“

„Ehrlich?“

„Ja. Und es ist etwas, das man nicht überstürzen darf. Ich habe eine Regel, Verena.“ Er hörte, wie sie den Atem anhielt. „Alles, was wir tun, tun wir langsam. Und jeder darf jederzeit sagen: Schluss. Ohne Grund.“

„Ohne Grund“, wiederholte sie, und er hörte ein Lächeln.

„Gut. Dann eine kleine Probe. Sie sind allein, es ist dunkel, Sie sitzen bequem. Legen Sie jetzt eine Hand auf Ihre Brust, dorthin, wo der Herzschlag ist, und sagen Sie mir, was Sie spüren.“

Es dauerte einen Moment. „Es rast“, flüsterte sie.

„Dann atmen wir gemeinsam. Ein. Und aus. Und wieder.“

Sie atmeten, und die Leitung trug nichts als dieses leise, gemeinsame Rauschen, bis ihr Herzschlag langsamer wurde. Ruben hatte die Nachrichten um vier fast vergessen. Zum ersten Mal in elf Jahren las er sie nicht vor, sondern stammelte sich hindurch.

Zum Abschied sagte sie: „Ruben? Ich habe heute in der Stadt Ihr Radio in einem Schaufenster gehört. Ihre Stimme kam aus dem Lautsprecher, und ich blieb stehen wie angewachsen. Ein Mann, der Zeitung las, hat mich angesehen, als sei ich verrückt.“

„Sie sind nicht verrückt.“

„Ich weiß. Ich wollte nur fragen“, sagte sie und holte Luft. „Haben Sie am Samstag frei?“

Er hatte seit elf Jahren nie frei. Er sah auf den Kalender neben der Uhr und konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt gelächelt hatte, ohne dass jemand hinsah.

„Samstag“, sagte er, „habe ich ab jetzt immer frei.“

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CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

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