
Symbolbild
Reihe: Nachtfrequenz · Teil 3 von 3Nachtfrequenz – Teil 3: Samstag, kurz nach drei
Das Café an der Brückenstraße hatte um fünfzehn Uhr nur drei Gäste, und Ruben war einer davon.
Er saß am Fenster, trug sein bestes Hemd, das nicht aussah, als hätte es je ein Studio gesehen, und hatte schon zwei Cappuccino getrunken, die er nicht wollte. Auf dem Tisch lag eine kleine, in Zeitungspapier gewickelte Sache, die er mitgebracht hatte, ohne zu wissen, warum: ein Päckchen Fencheltee.
Er hatte Verena nie gesehen. Er wusste, wie sie atmete, wie sie klang, wenn sie müde war, und wie sich ihre Stimme veränderte, wenn sie etwas Schönes sagte, aber er hätte sie auf der Straße nicht erkannt. Das beunruhigte ihn mehr, als er zugeben wollte.
Die Glocke über der Tür klingelte.
Er sah auf. Eine Frau in einem dunkelgrünen Mantel stand im Eingang, Mitte vierzig, dunkles, hochgestecktes Haar, ein Gesicht, das aussah, als hätte es viel zugehört. Sie suchte den Raum ab. Und als ihr Blick ihn erreichte, tat sie etwas, womit er nicht gerechnet hatte: Sie sagte kein Wort. Sie blieb einfach stehen, die Hand an der Tür, und lächelte.
Er stand auf, so hastig, dass der Stuhl scharrte. „Verena?“
„Ruben.“ Sie kam langsam näher, und es war seltsam, denn es war genau ihre Stimme, nur dass sie nun einen Mund hatte, Augen, Hände, die sich nicht recht zu verstecken wussten. „Ich hatte Angst, dass Sie nicht so klingen, wenn Sie vor mir stehen.“
„Und?“
„Sie klingen wie Sie.“ Sie lachte, nervös und erleichtert zugleich. „Ich habe stundenlang überlegt, was ich sage. Und jetzt fällt mir nichts ein.“
„Dann sagen wir einfach nichts“, schlug er vor. „Ich habe das jahrelang beruflich gemacht. Es lohnt sich.“
Sie setzten sich. Der Kellner brachte zwei Tee, ohne zu fragen, als hätte er verstanden, dass an diesem Tisch etwas Besonderes geschah. Für eine Weile saßen sie nur da, die Hände um die warmen Tassen, und Ruben merkte, dass die Stille, die er sonst nachts mit ihr teilte, nun auch am Tag funktionierte.
„Ich habe etwas für Sie“, sagte er schließlich und schob ihr das Päckchen hin.
Sie wickelte es auf und las das Etikett. Ihre Augen wurden feucht. „Fencheltee. Der, den Sie bei jeder Sendung trinken.“
„Jetzt wissen Sie, wie er schmeckt. Der Rest ist Gewohnheit.“
„Ruben.“ Sie legte ihre Hand auf seine. „Ich möchte, dass wir eins klären.“
„Alles.“
„Das, was wir nachts haben. Die Stimme, die Regeln, das Langsame. Das will ich nicht verlieren. Aber ich will es auch hier, bei Licht, und nur, wenn du es auch willst.“ Sie war beim Du angekommen, und er merkte, wie sein Herz darüber stolperte. „Und es gilt für uns beide. Jederzeit.“
„Jederzeit“, sagte er. „Ohne Grund.“
Sie lächelte, und es war dieses Lächeln, bei dem sie schneller redete, nur dass sie nun gar nicht redete, sondern ihn ansah.
Als sie das Café verließen, regnete es leicht, und sie gingen den Fluss entlang, nebeneinander, ohne sich zu berühren, bis sie an einer Brücke standen. Er blieb stehen und sah sie an.
„Darf ich dich etwas fragen?“, sagte er.
„Alles.“
„Darf ich dich küssen? Hier, jetzt, bei Tageslicht?“
Sie nickte. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände, vorsichtig wie ein Mikrofon, das man nicht verstellen will, und küsste sie, lange und ruhig. Der Regen perlte von ihren Haaren, und die Welt wurde zu einem kleinen, hell erleuchteten Raum, in dem es nur zwei Menschen gab.
In der Nacht darauf, kurz nach drei, saß Ruben wieder im Studio im dritten Stock, und die zweite Leitung blinkte.
„Havelwelle, Nachtfrequenz, guten Morgen, wenn man es genau nimmt“, sagte er.
„Guten Morgen“, sagte Verena, und er hörte ihr Lächeln. „Ich störe nicht?“
„Sie stören nie. Das ist mein Beruf.“
„Dann habe ich einen Musikwunsch.“
„Ich höre.“
„Etwas Langsames“, sagte sie. „Für zwei, die endlich keine Nummer mehr wählen müssen, um beieinander zu sein. Und für einen Mann, der morgen früh um sechs bei mir frühstückt.“
Er ließ das Lied laufen, das Klavier und die raue Frauenstimme, und über dem Rauschen des Äthers hörte er sie atmen, ruhig und warm. Vor ihm stand eine volle Tasse Fencheltee, zum ersten Mal seit Jahren heiß getrunken.
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