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Reihe: Nachtfrequenz · Teil 1 von 3

Nachtfrequenz – Teil 1: Der Anruf um drei

Um drei Uhr nachts gehörte Radio Havelwelle den Einsamen, den Schichtarbeitern und Ruben Albrecht.

Er saß im kleinen Studio im dritten Stock, die Kopfhörer um den Hals, vor sich einen erkalteten Fencheltee und eine Telefonanlage mit vier Leitungen, von denen in dieser Nacht keine blinkte. Seit elf Jahren moderierte er „Nachtfrequenz“, von Mitternacht bis fünf, und er war längst in dem Alter, in dem man seine eigene Stimme im Ohr hört und sich darüber wundert, wer das ist.

„Und weiter geht es mit einem Lied für alle, die jetzt wach sind, weil sie müssen, und für alle, die wach sind, weil sie wollen“, sagte er ins Mikrofon. Seine Stimme war tief, ein wenig rau, gerade freundlich genug, um nicht aufdringlich zu sein. Dann ließ er die Musik laufen und lehnte sich zurück.

Die zweite Leitung blinkte.

Er wusste, wer es war, bevor er abnahm. Seit fünf Nächten rief sie an, immer kurz nach drei, immer nur für ein paar Minuten, und nie sagte sie ihren Namen.

„Havelwelle, Nachtfrequenz, guten Morgen, wenn man es genau nimmt“, sagte er.

„Guten Morgen“, antwortete die Frau. Sie hatte eine dunkle, leise Stimme, die klang, als lege sie jedes Wort einzeln auf die Waagschale, bevor sie es hergab. „Ich störe nicht?“

„Sie stören nie. Das ist mein Beruf.“

Sie lachte, kurz, und er hörte, dass sie es nicht oft tat. „Ich bin Krankenschwester“, sagte sie. „Ich meine, ich war es. Heute war meine letzte Nachtschicht auf der Station. Ich habe das Radio laufen lassen, als der Letzte gegangen ist. Und ich wollte einfach … danke sagen.“

„Wofür?“

„Dass jemand da ist.“ Sie zögerte. „Es ist verrückt, ich weiß. Aber ich habe mir angewöhnt, bei Ihrer Stimme einzuschlafen, und jetzt weiß ich nicht, ob ich das auch ohne kann.“

Ruben schwieg einen Moment. Die Musik im Hintergrund lief aus, und er schob den Regler herunter, ohne den Blick vom Telefon zu nehmen. Er hatte in elf Jahren Tausende Anrufe entgegengenommen, aber noch nie hatte er das Gefühl gehabt, dass jemand bei ihm ankam statt nur durch.

„Dann machen wir es so“, sagte er langsam. „Sie rufen weiter an. Und ich verspreche Ihnen, dass ich um diese Zeit da bin.“

„Das können Sie nicht versprechen.“

„Ich kann es, weil ich sowieso hier sitze.“ Er lächelte, auch wenn sie es nicht sehen konnte. „Wie heißen Sie?“

Stille. Er wartete. Er hatte gelernt, dass Warten das Beste war, was man einem Menschen schenken konnte, der auf der Schwelle stand.

„Verena“, sagte sie schließlich. „Ich heiße Verena.“

„Ruben“, sagte er. „Aber das wissen Sie ja schon.“

„Ich weiß es seit elf Jahren“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte, als hätte sie gerade etwas Wichtiges gestanden. „Nur habe ich mich nie getraut, es zu benutzen.“

Er hörte, wie sie atmete. Er hörte den Regen an ihrem Fenster, fern und leise. Er hörte eine Frau, die endlich die Tür aufgemacht hatte, um zu sehen, ob draußen jemand stand.

„Verena“, sagte er sanft. „Erzählen Sie mir, wie Ihr Tag war.“

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Ich habe bis fünf.“

Sie lachte wieder, diesmal ein bisschen länger. Dann begann sie zu erzählen, von der Station, den Kolleginnen, dem alten Herrn auf Zimmer sieben, der ihr jede Nacht ein Bonbon zugesteckt hatte. Ruben hörte zu, den Kopf in die Hand gestützt, und vergaß darüber beinahe die Nachrichten um vier.

Als sie sich verabschiedete, war es kurz vor halb fünf. „Ruben?“, sagte sie. „Darf ich Sie etwas fragen?“

„Alles.“

„Wie sehen Sie aus?“

Er sah an sich hinunter: das zerknitterte Hemd, die Brille auf der Stirn, der Fencheltee. „Enttäuschend“, sagte er ehrlich.

„Das“, sagte Verena, „glaube ich nicht.“

Dann legte sie auf, und er blieb im blinkenden Licht der Telefonanlage sitzen und stellte fest, dass sein Herz klopfte wie bei einem Jungen, der zum ersten Mal einen Brief bekommen hat.

Die Leitung blieb dunkel. Doch auf dem Display, unter der Nummer, die sie gewählt hatte, stand etwas, das ihm bisher nie aufgefallen war: eine Vorwahl von hier, aus der Stadt, nur zwei Straßen vom Sender entfernt.

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Lieber jetzt am Telefon? Mit verbundenen Augen Ohne Namen Anziehen nach Ansage Alle Hotlines

CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

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