Symbolbild

Wachs, Hitze & Kälte

Kerzenschein und Unterarm

Der Küchentisch sah aus wie die Vorbereitung auf eine kleine Operation. Ein Handtuch, eine Schüssel mit Wasser, ein Stapel Küchenpapier, drei Kerzen in ungleicher Höhe. Und Ines, achtundvierzig, Lehrerin für Musik und Geschichte, die mit gerunzelter Stirn die Packungsbeilage einer Kerze las.

„Niedertemperaturwachs“, sagte sie. „Schmilzt schon bei etwa fünfzig Grad. Der Verkäufer hat mich angesehen, als wollte ich ein Kind taufen.“

„Du hast ihm bestimmt erzählt, dass es für Geschichtsunterricht ist.“ Tobias saß ihr gegenüber, die Ärmel seines grauen Pullovers bis zu den Ellbogen geschoben. Er war fünfzig, Tischler, und hatte Hände, denen man ansah, dass sie lieber etwas Genaues taten als etwas Lautes.

„Ich habe gesagt, es sei für die Stimmung.“

„Auch nicht gelogen.“

Sie lachten beide, und dann wurde es still, auf die angenehme Art, in der man weiß, dass gleich etwas anfängt. Ines zündete die erste Kerze an. Die Flamme wackelte, richtete sich auf, hielt.

„Zuerst teste ich es an mir“, sagte sie. „Am Unterarm. Dort ist die Haut dünn genug, dass ich merke, wie es wirklich ist.“

„Ich dachte, das sei mein Teil.“

„Dein Teil ist das Zusehen. Und das Fragen.“ Sie hielt die Kerze schräg, bis sich oben ein kleiner Teich bildete, und ließ einen einzigen Tropfen auf die Innenseite ihres Handgelenks fallen. Er erstarrte sofort, ein heller, milchiger Punkt. „Warm“, sagte sie langsam. „Nicht mehr. Ein Kuss von einer Tasse Tee.“

„Gut.“ Tobias streckte den Arm über den Tisch, die Handfläche nach oben. „Dann bin ich dran. Aus welcher Höhe?“

„Eine Handbreit. Je höher, desto kühler kommt es an.“ Sie sah ihn an. „Sag mir Gelb, wenn es zu viel wird, Rot, wenn ich aufhören soll.“

„Und Grün?“

„Grün heißt: weiter, du Zauderin.“

Der erste Tropfen traf ihn knapp unter dem Ellbogen. Er atmete durch die Nase aus, ein langer, hörbarer Zug. Die Haut hob sich unter dem Wachs, ein winziger Schauer, der bis in den Nacken lief. Ines wartete. Sie hatte nie gewusst, wie gut sie warten konnte, bis sie es für jemanden tat.

„Grün“, sagte er.

Der zweite Tropfen, der dritte. Sie zog eine Spur von der Armbeuge bis zum Handgelenk, langsam, in kleinen Abständen, und sah zu, wie sich seine Schultern senkten. Das Kerzenlicht zeichnete Schatten unter seine Wimpern. Er hielt die Augen geschlossen und lächelte, als lausche er einem Stück, das er schon einmal gehört hatte.

„Du bist so konzentriert“, murmelte er.

„Es ist Handwerk. Wie bei dir.“

„Dann ist das hier ein Möbelstück.“

„Ein sehr empfindliches.“

Sie gönnte ihm eine Pause, strich mit der flachen Hand über die erstarrten Punkte und löste einen davon vorsichtig mit dem Fingernagel. Darunter war die Haut rosig und warm und ein wenig überrascht. Tobias öffnete die Augen.

„Mehr?“, fragte sie.

„Noch einen Gang, ja. Aber dann will ich etwas anderes.“

„Was denn?“

„Dich am Tisch sitzen sehen, mit dem Arm von mir in deiner Hand, und nichts weiter.“

Sie senkte den Blick und merkte, dass ihr Gesicht heiß wurde, heißer als jedes Wachs. „Das lässt sich einrichten.“

Sie machten noch eine Runde, dann blies Ines die kleinste Kerze aus. Der Rauchfaden stieg gerade nach oben. Sie ließ das Handtuch über seinen Arm fallen, rubbelte die Wachsreste ab, trug eine Handvoll Creme auf, und er sah ihr zu, als sei das das Schönste, was an diesem Abend geschah.

„Das war leichter, als ich dachte“, sagte sie.

„Weil du dich vorbereitet hast.“

„Weil du mir vertraust.“

„Das auch.“ Er drehte die Hand und umschloss ihre. „Nächstes Mal teste ich an dir.“

„Wir könnten“, sagte Ines, „das Wasser aus der Schüssel vorher kühlen.“

„Für danach?“

„Für den Moment, in dem du so lächelst wie jetzt.“

Draußen fing es an zu regnen. Sie ließen die zweite Kerze brennen, bis sie von selbst kleiner wurde, und redeten über nichts, bis in die Nacht.

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LF
Lena Falk

Schreibt über Stimmen, Rollen und die Macht der leisen Töne. Ihre Geschichten spielen gern zwischen Büro, Telefon und später Abendstunde.

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