Symbolbild

Wachs, Hitze & Kälte

Sommerterrasse bei dreißig Grad

Es war einer dieser Abende, an denen die Hitze nicht weichen wollte, obwohl die Sonne längst hinter den Dächern verschwunden war. Auf der Terrasse klebte die Luft an der Haut, die Grillen sägten im Gras, und Sabine lag auf einer Liege, ein Glas Eistee in der Hand und ein Handtuch über den Beinen.

„Wir könnten in den See gehen“, sagte Bernd.

„Wir könnten“, sagte sie. „Aber ich habe etwas Besseres im Sinn.“

Er hob die Brauen. Sie kannten sich seit neun Jahren, waren seit dreien ein Paar, und er hatte gelernt, bei diesem Tonfall aufmerksam zu werden. Sabine war sechsundvierzig und Landschaftsarchitektin, und wenn sie ihre Pläne so beiläufig ankündigte, hatte sie sie schon dreimal skizziert.

„Ich habe da eine Kerze“, fuhr sie fort. „Eine, die bei niedriger Temperatur schmilzt. Und einen Eimer.“

„Mit Eiswürfeln.“

„Mit Eiswürfeln und Wasser. Ich dachte: Wenn es so heiß ist, dass man sich nach Kälte sehnt, dann ist das der richtige Moment, um Wärme zu schätzen.“

„Das klingt wie ein Widerspruch.“

„Das ist eine Philosophie.“

Er lachte, rückte seinen Stuhl neben ihre Liege und krempelte den Ärmel auf. Bernd war achtundvierzig, Gärtner mit eigenem Betrieb, und hatte Unterarme voller kleiner Narben, die von Rosenhecken erzählten. „Wie testen wir es?“

„An deinem Unterarm. Das ist die ehrlichste Haut, die ich kenne.“

Sie zündete die Kerze an und wartete, bis das Wachs weich wurde. Die Flamme stand fast waagerecht in der schwülen Luft. Sabine hielt die Kerze hoch, ließ einen Tropfen in ihre eigene Handfläche fallen und nickte. „Warm. Aber freundlich.“ Dann sah sie Bernd an. „Wenn du Stopp sagst, ist Schluss. Wenn du Mehr sagst, überlege ich es mir.“

„Sehr großzügig.“

Der erste Tropfen traf ihn dicht über dem Handgelenk. Bernd atmete tief durch. Die Nacht roch nach Tomatenblättern und heißem Stein, und das Wachs auf seiner Haut war wie ein kleiner, runder Gedanke, den man nicht wegschieben wollte. Sabine zog eine Linie nach oben, in größeren Abständen als beim ersten Versuch, und beobachtete seine Schultern. Sie waren locker. Das war das Zeichen, auf das sie wartete.

„Und jetzt“, sagte sie, tauchte ein Tuch in den Eimer und wrang es kaum aus, „die Gegenseite.“

Das Wasser lief ihm über den Unterarm, kalt, glitzernd, in dünnen Bächen, die das Wachs mit sich rissen. Er keuchte und lachte zugleich. „Das ist gemein!“

„Das ist ausgleichende Gerechtigkeit.“ Sie drückte das Tuch an seinen Nacken, und der Schauer lief ihm bis in die Zehen. „Hitze draußen, Kälte da, Wärme dazwischen. Merkst du, wie viele Temperaturen eine Haut gleichzeitig kann?“

„Ich merke vor allem, dass ich dich liebe.“

„Das ist keine Temperatur.“

„Doch. Die höchste.“

Sie stellte die Kerze ab, blies sie nicht aus, ließ sie einfach weiterbrennen. Dann kniete sie neben seinem Stuhl und küsste die feuchte Stelle am Handgelenk. Er legte ihr die freie Hand in den Nacken, ganz leicht, wie man ein Blatt hält, damit es nicht fortfliegt.

„Weißt du, was ich an dir mag?“, sagte Bernd.

„Dass ich Eimer besitze?“

„Dass du alles vorbereitest, ohne dass es nach Vorbereitung aussieht.“

„Das ist Landschaftsarchitektur.“ Sie lächelte. „Man plant jahrelang, damit es hinterher aussieht wie ein Zufall.“

Er zog sie zu sich auf den Schoß. Die Liege knarrte, der Eistee kippte beinahe um, und irgendwo über ihnen kam der erste Windhauch des Abends, kühl wie ein Versprechen. Sie schlossen beide die Augen und ließen ihn herein.

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LF
Lena Falk

Schreibt über Stimmen, Rollen und die Macht der leisen Töne. Ihre Geschichten spielen gern zwischen Büro, Telefon und später Abendstunde.

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