
Symbolbild
Wachs, Hitze & KälteWärmekissen und kalter Löffel
Marlene hatte einen Schnupfen und einen Ruf zu verteidigen. Als Leiterin einer Steuerkanzlei wurde sie nie krank, das stand praktisch im Vertrag. Trotzdem lag sie seit zwei Tagen mit rotem Näschen und wollener Mütze im Bett, und Henrik stand mit einer Suppe in der Tür.
„Ich habe Hühnerbrühe mitgebracht“, sagte er. „Und ein Wärmekissen, ein Kirschkernkissen. Meine Mutter schwört darauf.“
„Deine Mutter hat mir auch geraten, mit dir zu reden, bevor ich dich einstelle.“
„Das war vor sieben Jahren.“
„Und seitdem rächt sie sich.“ Marlene schniefte, aber ihr Mund zuckte. „Gib her.“
Er legte das Kissen in die Mikrowelle, stellte die Suppe auf den Nachttisch und setzte sich auf die Bettkante. Henrik war zweiundfünfzig, Bibliothekar, ein ruhiger Mann mit einem Hang zu präzisen Fragen. Er prüfte das Kissen mit dem Handrücken, schüttelte es und legte es Marlene auf den Bauch. Sie seufzte, als hätte jemand ihr eine Last abgenommen.
„Besser?“
„Viel. Und das ist das Gefährliche an dir. Du machst alles gut.“
„Wenn du magst“, sagte er, „kann ich noch etwas versuchen. Aber es ist ein bisschen merkwürdig.“
„Merkwürdig ist mein Spezialgebiet.“
Er ging in die Küche und kam mit einem Teelöffel zurück, den er in der Hand verbarg. „Der war im Gefrierfach. Ich dachte, nach dem Warmen hilft ein Gegenpol. Gegen das Fieberige.“
„Gegen das Fieberige“, wiederholte Marlene und hob die Brauen. „Das klingt wie ein Gedicht.“
„Es ist Physik.“
Sie lachte, hustete, lachte weiter. Dann streckte sie den Arm aus der Decke und legte ihn in seine Hand, die Handfläche nach oben, wie auf einem Rezept. „Zeig mir die Physik.“
Der Löffel war kalt wie ein Bach im April. Henrik legte ihn auf die Innenseite ihres Handgelenks, und Marlene zuckte, aber nur ein bisschen. Er hielt ihn still, zählte in Gedanken bis fünf und führte ihn dann langsam den Unterarm hinauf, bis zur Armbeuge. Die Haut zog sich zusammen, eine Gänsehaut wie ein Wellenmuster.
„Oh“, sagte sie.
„Zu kalt?“
„Zu schön. Nimm das Kissen.“
Er nahm das Kissen, legte es dort ab, wo eben noch der Löffel gewesen war, und Marlene schloss die Augen. Der Wechsel war so zart und so deutlich, dass sie meinte, ihr Arm bestehe aus zwei Jahreszeiten: Winter, Sommer, Winter, Sommer. Henrik wiederholte es, geduldig, ohne Eile. Dazwischen strich er mit dem Daumen über ihr Handgelenk, und sie merkte, dass sie nicht mehr an den Schnupfen dachte.
„Du bist wirklich gut“, flüsterte sie.
„Ich lese viel.“
„Das ist keine Qualifikation.“
„In meinem Fall schon.“ Er beugte sich vor und küsste ihre Stirn, die noch immer ein wenig heiß war. „Und jetzt isst du Suppe.“
„Du bestimmst das?“
„Ich bitte darum. Mit Nachdruck.“
Sie setzte sich auf, nahm den Teller auf den Schoß und kostete. Die Brühe war salzig und sanft, und plötzlich wollte sie weinen, aus Dankbarkeit, aus Erschöpfung, aus Freude, dass jemand sie so ansah, wenn sie nicht stark sein musste.
„Henrik?“
„Ja?“
„Wenn ich wieder gesund bin, bringst du den Löffel mit.“
„Und das Kissen?“
„Beides“, sagte sie. „Und die Mütze nehme ich ab.“
Er lächelte, ein breites, ein bisschen verlegenes Lächeln, und aß mit ihr die zweite Hälfte der Suppe, Löffel für Löffel, bis draußen der Schnee anfing.


