
Symbolbild
Wachs, Hitze & KälteWinterhütte mit Kachelofen
Der Schnee fiel seit Mittag, und gegen vier hatte er die Hütte so gründlich eingepackt, dass die Welt nur noch aus Fenster, Flocken und dem Knistern des Kachelofens bestand. Greta stand davor, die Hände an den glatten Kacheln, und spürte, wie die Wärme in ihre Handflächen kroch.
„Wir sind eingeschlossen“, sagte sie.
„Wir sind ausgezeichnet versorgt.“ Matthias kam aus der Speisekammer, einen Korb mit Brot und Käse im Arm. Er war einundfünfzig, Forstwirt im Ruhestand, und bewegte sich in der Hütte, als hätte er jede Diele selbst gelegt. „Holz für eine Woche, Wein für zwei. Ich sehe keinen Grund zur Sorge.“
„Ich schon.“ Sie drehte sich um, das Gesicht rot vom Feuer. „Ich fürchte, ich verlerne das Nichtstun.“
„Dann bringe ich es dir bei.“
Sie aßen am niedrigen Tisch, die Beine in Wolldecken, und sprachen über alles und nichts. Greta, vierundfünfzig, Geigenbauerin, erzählte von einem Cello, das einen Sprung im Boden gehabt hatte, und Matthias hörte zu, als hinge in jedem Wort ein kleiner Ton. Später, als der Wein getrunken war und die Dunkelheit am Fenster stand, holte er aus dem Schrank eine Kerze, dick, gelblich, mit einem Docht, der aussah, als wolle er jemandem etwas sagen.
„Bienenwachs“, sagte er. „Schmilzt weich. Ich habe es auf meinem Unterarm geprüft, bevor du kamst.“
„Du hast geprüft?“
„Natürlich. Ich bin Forstmann. Ich teste immer zuerst, ob der Ast trägt.“
Greta lachte. Dann streckte sie den Arm aus. „Dann trage ich auch.“
Er zündete die Kerze an und ließ sie eine Weile brennen, bis ein kleiner goldener See entstand. Dann neigte er sie, und ein Tropfen fiel in ihre Armbeuge. Die Wärme war rund und weich, wie ein Gedanke an den Sommer. Sie schloss die Augen. Der Ofen knisterte, die Kerze zischte leise, und auf dem Dach rutschte eine Schneeplatte ab.
„Mehr?“
„Mehr.“
Er ließ eine Reihe fallen, eine kleine Perlenkette, vom Handgelenk bis zum Ellbogen. Zwischen den Tropfen wartete er, damit sie den Atem finden konnte. Als sie leise seufzte, hielt er inne und fragte nicht, ob es zu viel sei, sondern sah sie nur an, bis sie den Kopf schüttelte.
„Und jetzt“, sagte er, „etwas anderes.“
Er stand auf, öffnete die Tür einen Spaltbreit und holte mit einer Schale eine Handvoll frischen Schnee herein. Der Wind blies Flocken in den Raum, die in der Wärme zu Wasser wurden, bevor sie den Boden erreichten. Er kniete sich neben sie, nahm ein wenig Schnee zwischen die Finger und ließ ihn auf das erstarrte Wachs fallen.
Greta atmete scharf ein. Das Wachs knackte, Splitter lösten sich, und darunter lag ihre Haut, überrascht, wach, schimmernd. Der Schnee schmolz in kleinen Rinnsalen in die Armbeuge. Sie lachte, atemlos, weil Hitze und Kälte so rasch aufeinander folgten, dass ihr Körper keinen Namen mehr dafür fand.
„Das ist“, sagte sie, „vollkommen albern und vollkommen wunderbar.“
„Ich weiß.“
Sie zog ihn zu sich, küsste die kalte Nase und die warmen Lippen, und die Kerze flackerte, als verbeuge sie sich. Später, in Decken gewickelt vor dem Ofen, lag ihr Kopf an seiner Brust, der Arm mit den Resten des Wachses locker auf seinem Bauch.
„Weißt du, was ich gelernt habe?“, murmelte sie.
„Dass man Nichtstun verlernen kann?“
„Dass man es durch etwas Besseres ersetzen kann.“
Er strich ihr übers Haar. Draußen fiel der Schnee weiter, und der Ofen hielt, was Öfen halten sollen: das Haus warm, die Nacht fern, die Gedanken weich.


