Humor & Pannen

Falsche Gruppe, richtiger Abend

Die Nachricht war nur eine Zeile lang. Birgit tippte sie um 17:42 Uhr, auf dem Heimweg in der Straßenbahn, mit dem Daumen und einem Lächeln, das sie selbst nicht ganz erklären konnte.

Heute Abend trägst du, was ich dir aufs Bett gelegt habe, und du fragst nicht warum. Ich erwarte Gehorsam. Und Wein.

Sie drückte auf Senden, lehnte sich zufrieden zurück und sah zwei Haltestellen lang aus dem Fenster, bevor sie den Chat noch einmal öffnete.

Es war nicht der Chat mit Ulf.

Es war Chor Cantabile – Sopran & Alt, vierundzwanzig Mitglieder. Unter ihrer Nachricht stand bereits ein Haken, dann zwei, dann blau.

„Nein", sagte Birgit laut. Eine Frau neben ihr rückte ein Stück zur Seite.

Sie versuchte zu löschen. Nur für dich löschen. Der Haken blieb. Sie startete die Löschung für alle, aber ihr Daumen zitterte, und der Bildschirm zeigte: Diese Nachricht wurde gelöscht. Zu spät. Unter ihr erschienen bereits drei Punkte, die Tippanzeige, das digitale Räuspern des Schicksals.

Die Erste war Frau Pohl, Alt, einundsiebzig, Chorgründerin. Liebe Birgit, ich weiß nicht, was das war, aber ich hoffe, es wird ein schöner Abend.

Die Zweite war Heike, Sopran. Haha, wer ist der Glückliche?? 😂

Die Dritte war Ingrid, die selten schrieb. Sehr direkt. Bewundernswert. Ich hätte mir das mit Gerhard nie getraut.

Dann Heike wieder: Ingrid!!

Dann Ingrid: Was denn? Er hat einmal fünf Jahre lang Dienstag Gulasch gemacht. Ich hätte mir gern etwas anderes gewünscht.

Birgit hielt das Telefon mit beiden Händen und fühlte, wie ihr Gesicht die Farbe von Rotwein annahm. Sie tippte: Entschuldigt bitte, falscher Chat, ich sterbe.

Sofort kamen die Antworten. Passiert jedem. Ich habe mal dem Pfarrer ein Herz geschickt. Niemand stirbt. Wir proben erst Donnerstag. Und Frau Pohl, ganz ruhig: Gehorsam und Wein, das klingt nach einer vollständigen Partitur. Viel Vergnügen, mein Kind.

Birgit lachte, mitten in der Straßenbahn, bis ihr Tränen kamen. Es war nicht Bloßstellung. Es war ein Chor, der sie auffing, vierstimmig und ohne Probe.


Zu Hause stand Ulf in der Tür. Er hielt sein Handy in der Hand, mit einem Gesichtsausdruck, den sie nicht lesen konnte.

„Ich habe um 17:42 Uhr nichts von dir bekommen", sagte er. „Aber um 17:55 Uhr hat mir meine Schwester geschrieben, dass sie von Frau Pohl gehört hat, dass du mir etwas mitteilen wolltest. Und ich dachte, ich sollte es vielleicht in Ruhe von dir erfahren."

„Frau Pohl hat deiner Schwester geschrieben?"

„Der Chor ist ein dichtes Netz."

Birgit setzte sich auf die Treppe. „Ich wollte dir sagen, dass im Schlafzimmer etwas für dich bereitliegt. Ein Hemd. Und dass ich Wein möchte. Und dass du nicht fragst."

Ulf sah sie lange an. „Und der Gehorsam?"

„Gehörte dazu."

„Gut." Er stellte die Flasche, die er schon geöffnet hatte, auf die Kommode und verneigte sich leicht, mit einem Ernst, der kaum gespielt war. „Dann nehme ich die Anweisung jetzt offiziell entgegen. Und Birgit?"

„Ja?"

„Das war die beste Nachricht, die ich nie bekommen habe."

Später, als das Hemd getragen und der Wein geschenkt war, summte ihr Telefon noch einmal. Der Chat. Frau Pohl hatte ein Bild geschickt: eine Notenzeile, handgeschrieben, darunter das Wort Crescendo.

Birgit zeigte es Ulf. Er las, hob eine Augenbraue und sagte: „Der Chor hat Geschmack."

◆
CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

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