Humor & Pannen

Der Schlüssel in der Kaffeedose

Der Schlüssel war weg.

Das war Silkes erster klarer Gedanke an diesem Sonntag, noch vor dem Kaffee, den sie nicht trinken konnte, weil ihr linkes Handgelenk am Bettpfosten hing.

„Armin."

„Mhm."

„Wo ist der Schlüssel?"

Armin, ein Meter neunzig, Tischler, ruhiger Mensch, drehte sich neben ihr um und öffnete ein Auge. „Auf dem Nachttisch."

„Da ist er nicht."

„Dann in der Schublade."

„Da ist er auch nicht." Sie beugte sich, so weit die Kette es zuließ, und sah unter das Bett. Ein Socken. Ein Hustenbonbon. Kein Schlüssel. „Wann hast du ihn zuletzt gesehen?"

„Als du Sehr gut, Armin gesagt hast." Er klang würdevoll. „Das war gegen elf."

„Und danach?"

„Danach habe ich ihn irgendwohin gelegt, wo er sicher ist."

Silke starrte an die Decke. „Das ist das Problem, dass du das sagst."

Sie suchten. Das heißt, Armin suchte, Silke dirigierte vom Bett aus, mit der freien Hand, im Ton einer Feldherrin. Er durchwühlte den Bademantel, die Hose, die Schuhe im Flur. Er klopfte den Wäschekorb aus. Er sah in den Blumentopf, in dem Silkes Orchidee seit drei Jahren beleidigt vor sich hin lebte.

„Ruf den Notdienst", schlug sie vor.

„Und sage was? Meine Frau hängt am Bett, bitte kommen?"

„Du kannst es auch eleganter formulieren."

Um zehn Uhr klingelte es. Beide erstarrten.

„Der Klempner", flüsterte Armin. „Wegen dem Abfluss. Den hatte ich vergessen."

„Dann lass ihn rein und zeig ihm das Bad. Das Schlafzimmer ist zu."

„Und wenn er fragt, wo du bist?"

„Sag, ich bin in der Kur."

Armin zog sich eine Hose an und ging öffnen. Silke hörte Stimmen, Schritte, das Klappern von Werkzeug und, durch die Wand, die tiefe Stimme des Klempners: „Hier riecht's nach Kaffee, Chef. Haben Sie noch welchen?"

„Ich, äh. Ja. In der Küche."

Dann ein Schweigen. Dann ein Lachen, das sich über den Flur ausbreitete wie Wärme.

Die Schlafzimmertür öffnete sich einen Spalt. Armin steckte den Kopf herein, mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der gleich etwas Peinliches mitteilen und dabei gewinnen wird.

„Silke?"

„Ja?"

„Der Schlüssel war in der Kaffeedose."

„In der Kaffeedose."

„Ich wollte ihn gestern an einen sicheren Ort legen. Offenbar habe ich sicher sehr ernst genommen." Er hielt ihn hoch, ein kleines, dummes Stück Metall. „Ich habe ihn gefunden, als ich dem Klempner Kaffee machen wollte. Er hat mir geholfen, die Dose auszuleeren."

„Er hat gesehen, dass …"

„Er hat gesehen, dass ein Mann um zehn Uhr morgens einen winzigen Schlüssel aus dem Kaffeepulver pult. Er hat nicht gefragt. Er hat nur gesagt: Das ist wie bei meinem Schwager, nur dass der Fahrradschloss hat."

Silke lachte, so sehr, dass die Kette klirrte. Armin kam ans Bett, setzte sich neben sie und schloss mit der ruhigen Sorgfalt eines Tischlers auf. Er rieb ihr das Handgelenk, langsam, ohne Eile, und sie sah ihm dabei zu.

„Es tut mir leid", sagte er.

„Mir nicht." Sie legte die Hand in seinen Nacken. „Aber nächstes Mal bekommt der Schlüssel eine Schnur, und die Schnur kommt um deinen Hals."

„Das lässt sich einrichten."

„Armin?"

„Ja?"

„Der Klempner wartet."

„Der kann warten." Er küsste sie, lange, kaffeeduftend, und aus dem Bad klang, gedämpft und gemütlich, das Gluckern eines Abflusses, der endlich wieder durfte.

◆
MS
Mira Sommer

Erzählt von Vertrauen, Geduld und dem Moment, in dem aus Neugier Hingabe wird. Warm, genau und mit Sinn für Details.

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