Safeword Ananas
Das Safeword war Giselas Idee gewesen. „Es muss etwas sein, das man nie aus Versehen sagt", hatte sie vor einem Jahr erklärt, am Küchentisch, mit dem Kugelschreiber im Mund. „Etwas Absurdes. Etwas, das nicht zu uns passt."
„Ananas", hatte Bernd gesagt, weil er sie in diesem Moment auf dem Obstkorb sah.
„Perfekt."
Es war tatsächlich nie zu einem Zwischenfall gekommen. Elf Monate lang nicht. Sie hatten das Wort auf Zetteln im Nachtschränkchen liegen und einmal, an einem sehr langen Abend, tatsächlich gebraucht. Es hatte funktioniert, ruhig, ohne Drama, mit einer Tasse Tee und einer Decke danach.
Bis zum Samstag auf dem Wochenmarkt.
Gisela war Standesbeamtin, fünfundvierzig, und führte Bernd am Samstag gern über den Markt, wie man einen sehr gut erzogenen Hund über einen Kinderspielplatz führt. Nicht an der Leine, nur an einer unsichtbaren. Heute hatte sie ihm eine Liste gegeben. Käse, Brot, Tomaten. Du fragst die Leute nach dem Preis, und du schaust mir dabei in die Augen. Jedes Mal.
Bernd, der Bauingenieur, der Sitzungen mit zwölf Beteiligten leitete, ohne mit der Wimper zu zucken, hatte schon beim Käsestand rote Ohren.
„Was darf's sein?", fragte der Händler.
„Ein Stück vom Bergkäse, bitte." Er sah zu Gisela. Sie sah ihn an. Er sprach weiter. „Und was, äh, kostet der?"
„Neun achtzig das Pfund."
„Danke, Herr", sagte Bernd.
„Wie bitte?"
„Danke sehr." Er sah, wie Gisela die Lippen zusammenpresste. Sie unterdrückte ein Lachen. Es war ihre Methode, ihn ruhig zu halten: das Spiel nicht zu beenden, ihm aber nichts zu schenken.
Am Gemüsestand wurde es schlimmer. Der Händler, ein freundlicher Mann mit Schürze und einem Schnurrbart, strahlte sie an.
„Ein schönes Pärchen! Heute im Angebot: frische Ananas, drei Euro das Stück! Wollen Sie eine?"
Bernd erstarrte.
Gisela erstarrte ebenfalls.
„Ananas", wiederholte der Händler, und hielt eine hoch, golden und stachelig, wie eine Krone. „Süß wie Zucker, Madame."
„Ich", sagte Bernd. „Also, ich. Das ist. Moment."
„Ist alles in Ordnung?", fragte der Händler.
„Das Safeword", flüsterte Bernd, viel zu laut.
Gisela legte die Hand an die Stirn. Dann prustete sie los, so heftig, dass eine Tüte Kartoffeln vom Tisch rutschte. „Er meint", sagte sie dem Händler, „dass wir die Ananas nehmen."
„Gern. Drei Euro."
„Gern." Sie zahlte, nahm die Frucht und drückte sie Bernd in den Arm. „Du trägst sie."
„Das war nicht fair", sagte er, und seine Stimme zitterte vor Lachen. „Das war ein Notruf."
„Das war ein Missverständnis." Sie nahm seinen Arm, und für einen Moment legte sie den Kopf an seine Schulter. „Aber danke, dass du es gesagt hättest."
„Ich hätte es gesagt. Auch auf dem Markt."
„Ich weiß." Sie küsste ihn auf die Wange, ganz kurz, ganz warm. „Genau deshalb darf ich dich überhaupt über den Markt führen."
Sie gingen weiter, vorbei an Blumen und Honig, und am Ende der Reihe, wo das Brot lag, sagte sie mit dem alten, ruhigen Ton: „Und jetzt: Brot. Du fragst. Du schaust. Und wehe, du sagst Herr zum Bäcker."
„Zu Befehl."
„Und neues Safeword", murmelte sie. „Vielleicht Rotkohl. Das kommt sicher selten im Angebot."