
Symbolbild
QueerDie Regeln auf dem Bierdeckel
Ruth war eine Viertelstunde zu früh im Lokal und eine halbe Stunde zu nervös. Sie hatte den Tisch am Fenster genommen, die Speisekarte zweimal gelesen und auf dem Bierdeckel unter ihrem Glas Dinge notiert, die sie normalerweise nur ihrer Therapeutin erzählte.
Als Odile hereinkam, im dunkelgrünen Mantel, die grauen Locken vom Wind durcheinandergebracht, stand Ruth auf, setzte sich wieder und stieß dabei fast das Wasserglas um.
„Du bist Ruth“, sagte Odile. „Du siehst aus wie jemand, der gleich einen Vertrag vorlegt.“
„Fast.“ Ruth schob den Bierdeckel über den Tisch. „Das sind meine Regeln. Für heute Abend. Ich bin sechsundvierzig und habe beschlossen, nicht mehr so zu tun, als wüsste ich nicht, was ich will.“
Odile setzte die Lesebrille auf. Sie las langsam, mit dem Zeigefinger unter jeder Zeile, wie man einen Fahrplan studiert.
Eins: Wir reden zuerst, dann essen wir, dann reden wir wieder.
Zwei: Ich sage Nein, wenn ich Nein meine, und du sagst es auch.
Drei: Ich möchte lernen, abzugeben. Nicht heute Abend. Aber irgendwann.
Vier: Wenn das zu viel ist, darfst du gehen, und ich zahle den Wein.
„Punkt vier gefällt mir am besten“, sagte Odile und nahm die Brille wieder ab. „Das ist erstaunlich großzügig für jemanden, der so zittert.“
„Ich zittere nicht.“
„Dein Wasserglas schon.“
Ruth lachte, und etwas in ihren Schultern ließ los. Der Kellner brachte zwei Gläser Rotwein, die niemand bestellt hatte, und Odile wartete, bis er wieder gegangen war.
„Darf ich eine Gegenfrage stellen?“
„Bitte.“
„Was bedeutet abgeben? Für dich. Ganz konkret, ohne Fachwörter.“
Ruth sah in ihr Glas. Es war überraschend schwer, so etwas auszusprechen, wenn eine Fremde mit warmen braunen Augen wirklich zuhörte. „Dass jemand sagt: Heute entscheidest du nichts. Nicht mal, ob du die Schuhe ausziehst. Und ich dabei nicht das Gefühl habe, schwach zu sein, sondern ... getragen.“
„Getragen“, wiederholte Odile. „Das ist ein gutes Wort.“
Sie erzählte, dass sie dreizehn Jahre mit einer Frau zusammengelebt hatte, die nie etwas hatte entscheiden wollen, nicht einmal die Farbe der Küchenwand. Dass sie damals gelernt hatte, wie anstrengend es ist, immer zu führen, und wie schön, wenn jemand einen Ton findet, in dem Führen sich nach Fürsorge anfühlt statt nach Last.
„Ich bin keine Domina“, sagte sie. „Ich habe weder Lack noch Peitsche, und mein Kellerraum ist voller Weihnachtsdeko. Aber ich kann sehr gut sagen: Iss jetzt deine Suppe.“
„Das klingt furchtbar.“
„Probier es aus.“
Ruth zögerte. Dann: „Und wenn ich Nein sage?“
„Dann schmeckt dir die Suppe nicht, und wir bestellen etwas anderes.“ Odile lächelte. „Das ist der ganze Trick. Das Nein bleibt immer deins.“
Das Essen kam. Sie sprachen über Mütter und Mietverträge, über Ruths Arbeit im Stadtarchiv und Odiles Schreinerei, über einen gemeinsamen Hang zu schlechten Krimis. Zwischendurch nahm Odile, ohne zu fragen, die Gabel aus Ruths Hand, wickelte die Nudeln auf und hielt sie ihr hin. Ruth starrte sie an.
„Mund auf“, sagte Odile ruhig. „Das war ein Test. Du darfst durchfallen.“
Ruth aß. Ihr Gesicht wurde heiß bis zu den Ohren, und es war das schönste Fieber seit Jahren.
Am Ende bezahlte Odile die Rechnung, schob den Bierdeckel zurück und drehte ihn um. Auf der Rückseite stand, in flüchtiger Schreinerschrift:
Fünf: Ich will dich wiedersehen. Donnerstag, neunzehn Uhr. Bring keine Regeln mit, nur Hunger.
„Das ist gegen Regel eins“, murmelte Ruth.
„Dann streich sie“, sagte Odile und stand auf, um ihr in den Mantel zu helfen. „Oder du lässt sie mich streichen. Das wäre ein Anfang.“
Ruth hielt den Bierdeckel an die Brust, wie man ein Foto hält, und nickte.


