Symbolbild

Öffentlich & Heimlich

Die Regel an Tisch neun

Die Regel kam im Taxi, zwischen der zweiten und der dritten Ampel, und Cosima trug sie so beiläufig vor, als ginge es um die Sitzordnung.

„Heute Abend gilt etwas für dich“, sagte sie und strich sich eine Strähne hinters Ohr. „Solange ich meine Perlenkette berühre, antwortest du auf alles, was man dich fragt, in ganz normalen Worten. Aber wenn ich zweimal hintereinander die mittlere Perle drehe, darfst du genau eine Sache nicht tun.“

„Und die wäre?“

„Das erfährst du im Moment der Perle.“

Lambert sah aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter. Er war einundfünfzig, Bauingenieur und im Allgemeinen ein Mensch, der Pläne mochte, weil sie einem sagten, was kam. Er liebte es, dass sie ihm hier keinen gab.

„Kündigung jederzeit?“, fragte er.

„Natürlich. Du sagst Zitrone, und ich bin eine ganz gewöhnliche Frau in einem grünen Kleid.“ Sie lächelte. „Hast du Lust?“

„Ich habe Lust auf alles, was mit dir in diesem Kleid zu tun hat.“

Die Feier fand in einem alten Gutshaus statt, mit Girlanden und einem Streichquartett, das tapfer gegen das Gelächter anspielte. Tisch neun hatte sechs Gäste, darunter Lamberts Chef, dessen Ehefrau und einen Onkel der Braut, der jede Frage mit einer Anekdote beantwortete.

Die erste Perle kam beim Vorspeisenteller. Cosima legte zwei Finger an die Kette und drehte, sehr langsam, die mittlere Perle. Einmal. Der Onkel sprach gerade über Forellenzucht. Zweimal.

Lambert hob das Glas, das er schon an den Lippen hatte, und stellte es wieder ab. Er verstand. Er durfte nicht trinken. Nicht schlucken, nicht Wasser, nicht Wein, solange ihr Blick auf ihm lag, ruhig und warm, mit einem Funkeln am Rand. Es dauerte vielleicht zehn Sekunden. Es fühlte sich an wie ein halbes Leben.

„Sie sind so still, Herr Berger“, sagte die Frau seines Chefs.

„Ich lausche der Forelle“, sagte er.

Unter dem Tisch legte Cosima ihre Hand für einen Wimpernschlag auf sein Knie. Dann ließ die Kette los, und er trank.

Die zweite Perle kam beim Hauptgang. Diesmal durfte er nicht lachen. Der Onkel erzählte vom Kormoran im Gartenteich, die Tischrunde bog sich, und Lambert saß aufrecht da, mit einem Gesicht wie aus Stein, bis ihm Tränen in den Augen standen. Cosima aß ihr Lammfilet und sah ihn dabei so freundlich an, dass es beinahe schmerzte.

„Du bist grausam“, flüsterte er, als die anderen zur Tanzfläche aufbrachen.

„Du bist wunderbar“, flüsterte sie zurück. „Das war doch erst der Anfang.“

Die dritte Perle kam beim Tanzen, mitten im Walzer, den ein Paar neben ihnen in kunstvollen Schleifen drehte. Cosima trug die Hand auf seiner Schulter, die andere im Nacken, und fuhr mit dem Daumen über die Kette. Zweimal.

Diesmal wusste er, was die Regel verlangte, bevor sie es aussprach. Er sah nicht weg. Er hielt ihren Blick, mitten im Gewühl, während um sie herum die Röcke wirbelten und ein Mann „Prost!“ rief. Er hielt ihn so lange, bis sie die Lippen öffnete und der Atem ihr einen winzigen Moment lang in der Kehle hängen blieb.

„Gut“, sagte sie leise. „Sehr gut.“


Gegen Mitternacht standen sie vor dem Gutshaus und warteten auf das Taxi. Die Luft roch nach nassem Gras. Er hatte ihr sein Jackett um die Schultern gelegt.

„Und jetzt?“, fragte er.

Sie zog die Kette über den Kopf, wog sie in der Hand und ließ sie in seine Jackentasche gleiten.

„Jetzt“, sagte sie, „darfst du dich entscheiden, was du mit dem Rest der Nacht anfängst. Die Regel ist abgelaufen.“

Das Taxi bog in die Einfahrt. Lambert hielt ihr die Tür auf.

„Ich fürchte“, sagte er, „ich habe mich längst entschieden.“

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LF
Lena Falk

Schreibt über Stimmen, Rollen und die Macht der leisen Töne. Ihre Geschichten spielen gern zwischen Büro, Telefon und später Abendstunde.

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