
Symbolbild
Füße & TramplingDie Fußmassage am Donnerstag
Henrike Voss war Hebamme, und Hebammen haben Füße, die mehr Geschichten erzählen könnten als jeder Taxifahrer. Als sie an einem Donnerstag um kurz nach acht die Wohnungstür aufschloss, humpelte sie leicht und schwor sich, nie wieder Schuhe mit Absatz zu kaufen, auch nicht für die Weihnachtsfeier.
„Setz dich“, sagte Tobias vom Sofa aus. Er war einundvierzig, Tischler, und seine Hände rochen nach Kiefernholz und Leinöl. „Und gib mir die Füße.“
„Das ist kein Angebot, das ich ablehne.“
„Es war auch keins.“ Er grinste. „Es war ein Befehl, und ich hoffe, du hast ihn bemerkt.“
Sie hatte. Sie ließ sich in die Kissen fallen, legte die Beine in seinen Schoß, und er schälte ihr die Strümpfe ab, mit einer Sorgfalt, als würde er eine Geige auspacken. Das Öl war kühl, dann warm. Seine Daumen fanden den Ballen, die Wölbung, die schmerzhafte Stelle unter dem Knöchel, von der sie selbst nicht gewusst hatte, dass sie schmerzte.
„Oh“, sagte sie. „Das ist unverschämt gut.“
„Ich habe lange geübt.“ Er sah sie nicht an, sondern ihren rechten Fuß, den er mit beiden Händen hielt wie ein Werkstück. „An einer Gurke. Es war entwürdigend für die Gurke.“
Henrike lachte so sehr, dass das Sofa wackelte, und er ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Das war es, was sie an ihm liebte: Er arbeitete weiter, auch wenn man ihn auslachte.
Am nächsten Donnerstag stand ein Handtuch bereit, gefaltet wie in einem Hotel. Am übernächsten eine Kerze. Am dritten Donnerstag hatte Tobias eine Karte geschrieben, in seiner kantigen Handschrift, und sie ans Sofa gelehnt.
Regeln des Donnerstags, stand dort. Erstens: Du entscheidest, wie lange. Zweitens: Du sagst „Gelb“, wenn etwas zwickt, und „Rot“, wenn es aufhört. Drittens: Du musst nichts tun, außer da sein.
„Das ist die schönste Dienstanweisung meines Lebens“, sagte Henrike.
„Es fehlt noch eine vierte.“ Er räusperte sich. „Ich möchte dir die Füße küssen dürfen. Wenn du erlaubst. Nur wenn du erlaubst.“
Sie sah ihn lange an. Dieser große, ernste Mann mit Sägespänen im Bart, der vor ihr kniete und rot wurde wie ein Schuljunge. Sie dachte an all die Nächte, in denen sie anderen Frauen beigestanden hatte, und daran, dass niemand je gefragt hatte, wer ihr beistand.
„Erlaubt“, sagte sie. „Aber der Reihe nach. Erst das Öl, dann die Kerze, dann du.“
„Wie die Frau befiehlt.“
Er nahm ihren Fuß, drehte ihn sacht, und küsste die Innenseite des Knöchels so zart, dass sie die Luft anhielt. Dann den Spann. Dann, mit einem verschmitzten Blick, die Spitze ihres großen Zehs.
„Also wirklich“, flüsterte sie. „Das ist ja ein richtiger Kult.“
„Ein kleiner. Mit nur einer Gläubigen.“
„Und einem sehr hingebungsvollen Priester.“
Er arbeitete sich langsam hoch, die Waden entlang, und sie spürte, wie die Müdigkeit des Tages aus ihr herausfloss, in den Teppich, ins Holz, in die flackernde Kerze. Irgendwann sagte sie: „Tobias.“
„Ja?“
„Das Handtuch war übrigens eine großartige Idee.“
„Es ist ein sehr strenges Handtuch“, sagte er würdevoll. „Es duldet kein Öl auf dem Sofa.“
Sie zog ihn an der Hand zu sich hoch. Draußen regnete es, die Kerze war schon halb heruntergebrannt, und sie sagte ihm ins Ohr, was er jetzt tun durfte. Es war nicht viel, aber es genügte, damit er sich lange nicht mehr rührte.
„Nächsten Donnerstag?“, fragte er später.
„Jeden Donnerstag“, sagte Henrike. „Und zwischendurch, wenn ich Absätze trage.“


