
Symbolbild
Ratgeber-GeschichtenDie Eieruhr und die Skala von eins bis zehn
Die Eieruhr hatte die Form eines Huhns und stammte aus dem Nachlass von Matthias' Tante. Sie stand jetzt auf dem Küchentisch zwischen dem Salzstreuer und einem Holzpaddel, das Birgit vor zwei Wochen online bestellt und seither mit dem Misstrauen einer Frau betrachtet hatte, die gern etwas ausprobieren wollte und noch nicht wusste, wie sich das anfühlt.
„Du willst das ernsthaft mit dem Huhn machen“, sagte Matthias.
„Das Huhn ist neutral. Das Huhn hat keine Laune.“ Birgit, einundvierzig, Lektorin, schrieb gerade eine Zahlenreihe auf einen Zettel. „Eins ist eine Berührung. Fünf ist, ich merke es deutlich und möchte trotzdem weitermachen. Zehn ist Schluss, und zwar bevor ich es sage.“
„Und wir fangen bei?“
„Bei zwei. Und ich will, dass du mich zwischendurch fragst.“
„Wie oft ist zwischendurch?“
„Öfter, als du denkst.“ Sie drehte das Huhn auf zwei Minuten. „Und ich darf jederzeit sagen: höher, tiefer, gleich, aus. Vier Wörter. Mehr Wortschatz brauche ich nicht.“
Er lachte, aber er hatte den Zettel schon gelesen und prägte sich die Zahlen ein, wie er es früher mit Vokabeln getan hatte.
Das Huhn tickte. Birgit lag mit dem Bauch auf dem Sofa, ein Kissen unter den Hüften, und Matthias stand neben ihr und fühlte sich zum ersten Mal in zwanzig Ehejahren wie ein Anfänger.
Der erste Schlag war kaum mehr als ein Klopfen.
„Zahl?“, fragte er.
„Eins. Eher Dreiviertel.“
„Ich bin beleidigt.“
„Du bist sorgfältig. Das ist besser.“
Er wiederholte es, etwas fester. Wieder fragte er. Sie sagte: „Zwei. Gleich.“ Beim dritten Mal sagte sie: „Drei, und das ist schön“, und er hörte, wie ihre Stimme tiefer wurde, als hätte sie etwas in sich abgestellt, das sonst den ganzen Tag lief.
Das Huhn klingelte. Zwei Minuten waren um.
„Pause“, sagte Birgit. „Wasser. Wie war das für dich?“
„Ich habe Angst, dass ich zu fest zuschlage.“
„Deshalb machen wir es so.“ Sie strich ihm über den Unterarm. „Du darfst lieber zu leicht beginnen als zu schwer. Zu leicht kann man korrigieren.“
Sie stellten das Huhn auf zwei Minuten zurück. Bei vier sagte sie „höher“, bei fünf „gleich“, und Matthias merkte, dass sein Herz schneller schlug als ihres. Beim nächsten Durchgang fragte er nach jedem zweiten Schlag, und zwischendurch kam ein Seufzen von ihr, das keine Zahl brauchte.
Bei sechs sagte sie nichts. Ihr Atem hatte sich verändert, hastiger, ein wenig flach.
Er legte das Paddel hin.
„Ich höre auf“, sagte er. „Du hast nichts gesagt, und das ist für mich ein Zeichen.“
„Ich hätte weitergemacht“, flüsterte sie.
„Ich weiß. Genau deshalb.“
Sie drehte sich um, das Gesicht gerötet, die Haare zerzaust, und sah ihn an, als hätte er ihr etwas geschenkt, das sie nicht bestellt hatte. „Das war genau richtig“, sagte sie. „Du hast aufgehört, ehe ich es musste.“
Später saßen sie in eine Decke gewickelt auf dem Sofa, das Huhn zwischen ihnen auf dem Kissen. Matthias hielt einen Becher Tee und eine Hand, die nicht ihm gehörte, sondern ihnen beiden.
„Morgen früh“, sagte Birgit, „schauen wir, wie es sich anfühlt. Und dann sagst du mir deine Zahl.“
„Meine?“
„Deine Nervosität. Zwischen eins und zehn.“
Er überlegte. „Am Anfang eine Acht. Jetzt eine Zwei.“
„Dann ist die Eieruhr ein Erfolg.“ Sie nahm das Huhn, drehte es einmal und stellte es auf den Tisch zurück, mit dem Schnabel zu ihm. „Nächste Woche stellen wir sie auf drei Minuten. Und du darfst mit der Vier anfangen.“
„Mit der Vier?“
„Wenn wir beide wollen.“ Sie lächelte. „Das Huhn entscheidet das nicht allein.“


