Sklavin & Sklave

Der Tag, an dem die Rollen wackeln

Arne stellte den Eimer mit den Trauben ab und blieb stehen. Der Oktobermorgen roch nach feuchtem Laub, nach gärendem Most und nach dem Staub von Holzkisten. Zwischen den Rebzeilen kam Elsbeth die Reihe herauf, in Gummistiefeln und einer Schürze, die schon bessere Jahre gesehen hatte.

„Du stehst“, sagte sie. „Wir sind im Verzug.“

„Ich weiß. Ich muss dir etwas sagen.“

Sie hob die Augenbrauen. Sie war fünfundfünfzig, Winzerin in dritter Generation, und sie konnte an der Haltung eines Menschen ablesen, ob er lügen wollte. Bei ihm sah sie etwas anderes: einen Mann, der mit sich rang.

„Hier oder im Haus?“

„Hier. Zwischen den Reben ist es leichter.“

Er war fünfunddreißig, Tierarzt, und seit zwei Jahren kam er jedes Wochenende und jede Lese auf ihr Gut, um zu dienen, wie sie es nannte, nach einem Vertrag, der in der Küchenschublade lag. Er trug Kisten, kochte, ging neben ihr her, wenn sie es sagte, und blieb zurück, wenn sie es sagte. Er hatte nie gezweifelt. Bis vor drei Wochen.

„Ich weiß nicht mehr“, sagte er, „ob ich diene, weil ich es will, oder weil ich es gewohnt bin.“

Elsbeth sagte nichts. Sie zog die Handschuhe aus und legte sie auf den Rand einer Traubenkiste. Dann setzte sie sich auf eine umgedrehte Kiste und deutete auf eine zweite.

„Setz dich. Das ist keine Anweisung. Es ist eine Bitte.“

Er setzte sich.

„Danke, dass du es sagst.“ Sie legte die Hände auf die Knie. „Weißt du, was ich in dem Satz höre? Ich höre jemanden, der prüft. Das ist genau das, was ich von dir verlange, seit dem ersten Tag. Nur dass du es diesmal bei dir selbst tust.“

„Ich wollte dich nicht enttäuschen.“

„Das hast du nicht. Du hast mir ein Geschenk gemacht.“ Sie lächelte, und ihre Augen kräuselten sich in Fältchen. „Es gibt zwei Wege. Wir lassen die Rollen für eine Weile ruhen, wie ein Weinberg im Winter. Oder wir ändern etwas. Du entscheidest, was dir fehlt.“


Arne dachte nach, während Wespen über den überreifen Trauben summten. „Ich glaube“, sagte er langsam, „dass mir etwas fehlt, das ich nicht benennen kann. Ich wünsche mir mehr von dir. Nicht mehr Strenge. Mehr Anweisung, mehr Richtung. Manchmal fühle ich mich wie ein Gast.“

„Und manchmal?“

„Manchmal möchte ich widersprechen dürfen. Ohne dass es ein Verstoß ist.“

Elsbeth nickte, als hätte er den Wein beschrieben, den sie sich schon lange wünschte. „Das ist beides sehr klar. Dann machen wir einen Versuch. Bis Weihnachten bekommst du von mir jeden Sonntag eine Aufgabe, ausführlich, schriftlich, mit Begründung. Und am Montagabend darfst du mir sagen, was du daran falsch fandest. Offen. Ich höre zu.“

„Und wenn ich die Aufgabe selbst kritisiere?“

„Dann kritisierst du sie. Und ich bessere sie nach, oder ich erkläre dir, warum nicht.“ Sie stand auf und reichte ihm die Hand, nicht als Herrin, sondern als eine, die einem anderen auf die Beine hilft. „Rollen wackeln, Arne. Das ist kein Defekt. Sonst wären es Statuen.“

Er nahm die Hand, stand auf und blieb einen Moment zu nah vor ihr stehen. Sie legte ihm die Hand an die Brust, genau auf das Herz, das er schnell schlagen spürte.

„Wo waren wir?“, fragte sie.

„Beim Verzug.“

„Genau.“ Sie hob den Eimer und gab ihn ihm in die Hand. „Dann los. Und wenn du heute Abend müde bist, kochst du trotzdem. Aber ich schenke dir danach das Glas ein, das ich seit Juni für dich aufhebe.“

Er lachte und ging zurück an die Reben, leichter als zuvor, und merkte erst nach einer Weile, dass er dabei pfiff.

◆
CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

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