Tischordnung für zwei
Das Protokoll hing in der Speisekammer, mit Magnet an der Innenseite der Tür befestigt, damit kein Besuch es zufällig las. Margit hatte es in drei Abenden geschrieben, mit der Gründlichkeit einer Buchhändlerin, die weiß, dass man Sätze nicht verschwenden darf.
Beim Abendessen sitzt Joachim erst, wenn Margit sitzt. Er schenkt ein, zuerst ihr, dann sich. Er spricht, wenn er gefragt wird, oder wenn der Salzstreuer leer ist. Dann darf er es melden.
„Der Salzstreuer“, sagte Joachim und kratzte sich am Kinn. „Das ist dein Ernst.“
„Der Salzstreuer ist die Verfassung unserer Tischkultur“, sagte Margit. „Setz dich noch nicht.“
Er stand hinter seinem Stuhl, die Hände auf der Lehne, in der sauberen Schürze, die er aus der Backstube mitgebracht hatte. Achtundvierzig, Bäckermeister, Mehlstaub unter den Fingernägeln, den man nie ganz herauswusch. Er war vor drei Monaten in ihr Leben gefallen, mit einem Korb voller Brötchen und der Bemerkung, in ihrem Laden rieche es besser als in jeder Backstube. Und im vierten Monat hatte er, rot bis zu den Ohren, gesagt: „Ich glaube, ich möchte etwas für dich tun. Dauerhaft. Und ich weiß nicht, wie man das sagt.“
Heute war der erste Abend nach Protokoll.
Margit setzte sich, strich die Serviette glatt und nickte. Erst jetzt ließ er sich nieder, vorsichtig, als könnte der Stuhl ihn prüfen. Er schenkte ein. Er ließ keinen Tropfen daneben gehen, aber seine Hand zitterte ein klein wenig.
„Du bist nervös“, sagte sie.
„Ich bin ein Mann, der Teig mit bloßen Händen schlägt. Ich bin nie nervös.“
„Das war keine Antwort auf meine Feststellung.“
„Ja. Ich bin nervös.“
„Gut. Dann sind wir zu zweit.“ Sie hob das Glas. „Auf den ersten Abend.“
Das Essen war Kürbissuppe mit Brot, das Brot natürlich von ihm. Sie aßen schweigend, und es war ein Schweigen mit Struktur, ein Rhythmus aus Löffel, Blick, Löffel. Margit sah ihm zu, wie er sie unauffällig beobachtete, und fand es rührender, als sie es je ausgesprochen hätte.
Beim zweiten Teller bemerkte sie, wie er die Augen über den Tisch gleiten ließ. Zum Salzstreuer. Wieder zu ihr. Zum Salzstreuer.
„Du darfst“, sagte sie.
„Er ist leer“, meldete er, und seine Stimme war ernst wie bei einer Staatsrede.
„Danke für die Meldung. Hol Nachschub.“
Er stand auf, ging in die Speisekammer, kam zurück mit der Salzmühle und blieb stehen, weil er nicht wusste, ob man hier fragen darf. „Soll ich“, begann er, „oder darf ich —“
„Mühle genügt.“
Er mahlte Salz über die Suppe. Dann sah er sie an, mit diesem Blick, dem sie anfangs misstraut hatte, weil er so ungeschützt war. Heute wusste sie, dass er genau das war: Hingabe ohne Maske.
„Margit?“
„Ja.“
„Darf ich etwas sagen, das nicht im Protokoll steht?“
Sie legte den Löffel hin. „Ausnahmsweise.“
„Ich hätte nie gedacht, dass Regeln sich so warm anfühlen können.“ Er sah auf den Tisch, auf die Hände, auf das Brot, das er selbst geformt hatte. „Man kommt sich vor wie ein Brot im Ofen. Man wird fest und weich zugleich.“
Sie stand auf, ging um den Tisch herum und blieb hinter ihm stehen. Sie legte ihm beide Hände auf die Schultern. Er hielt still, den Atem in der Brust.
„Das nehme ich ins Protokoll auf“, sagte sie. „Unter Paragraf eins. Joachim darf Sätze sagen, die zu schön sind für eine Salzmühle.“
„Und Paragraf zwei?“
„Der Nachtisch“, sagte sie, „wird ohne Regeln gegessen. Auf dem Sofa. Dicht nebeneinander.“
Er drehte den Kopf, und sie küsste ihn auf den Scheitel, genau dorthin, wo ein bisschen Mehl im Haar hing, das keine Dusche der Welt je ganz herausbekam.