
Symbolbild
Ratgeber-GeschichtenDecke, Wasser und ein ruhiger Abend
Als die Tür des Spielzimmers hinter ihnen zufiel, zitterte Torstens rechte Hand noch ein wenig, und Ilka, die das sofort sah, tat das Klügste, was man in diesem Augenblick tun konnte: Sie sagte nichts Kluges.
„Komm“, sagte sie nur.
Im Wohnzimmer brannte die kleine Stehlampe, die sie vorher angelassen hatte, genau für diesen Moment. Auf dem Sofa lag die dicke graue Wolldecke, daneben standen zwei Gläser Wasser, eine Schale Weintrauben und eine Packung Salzstangen, die sie am Nachmittag mit ernster Miene eingekauft hatte. „Aftercare-Proviant“, hatte Torsten gespottet. Jetzt sah er die Salzstangen an, als wären sie Goldbarren.
„Trink“, sagte Ilka und wickelte ihn in die Decke, wie man ein Kind in einen Mantel wickelt. Er war dreiundvierzig, Tierarzt, ein Mann mit großen, sicheren Händen, und er ließ es sich gefallen, weil er gerade nicht anders konnte. Sein Körper hatte eine Stunde lang Dinge ausgehalten und genossen, für die es keine Worte gab, und nun kam die Erschöpfung herein wie Flut.
„Mir ist plötzlich kalt“, murmelte er.
„Ganz normal. Das ist der Körper, der runterfährt.“ Sie setzte sich neben ihn, zog seine Füße auf ihren Schoß und rieb sie durch die Wolle. „Du musst gar nichts sagen. Du musst nicht dankbar sein, du musst nicht schlau sein. Du darfst einfach da sein.“
Er trank in kleinen Schlucken. Die Uhr an der Wand tickte, irgendwo im Haus gluckerte eine Heizung, und aus dem Gewirr in seinem Kopf wurde langsam wieder ein einzelner Gedanke.
„War ich okay?“, fragte er.
„Du warst wunderbar.“ Sie sagte es ohne Zögern, aber nicht automatisch. „Und ich frage dich dasselbe. Wie war ich?“
Er sah sie überrascht an. „Du fragst mich?“
„Natürlich. Mir ging es auch nicht schlecht, aber es war viel. Ich sitze hier auch gerade ein bisschen im Nebel.“ Sie lächelte schief. „Das ist keine Einbahnstraße.“
Sie redeten leise, ohne Bewertung: was gut gewesen war, was zu viel, was sie das nächste Mal anders machen würden. Keine Vorwürfe, keine Tabellen. Nur Sätze wie „Das mit dem Tuch war zu lang, glaube ich“ und „Mir hat es gefallen, wie du gewartet hast“. Dazwischen aßen sie Salzstangen, und Torsten fand, dass noch nie etwas so köstlich geschmeckt hatte.
Nach einer Stunde war seine Hand ruhig, die Wangen hatten wieder Farbe, und Ilka rückte näher und legte den Kopf an seine Schulter.
„Und morgen“, sagte sie, „schreibe ich dir. Nur ein kurzes ‚Wie geht es dir?‘. Manchmal kommt der Absturz erst am nächsten Tag, und ich will nicht, dass du allein damit bist.“
„Und wenn es mir blendend geht?“
„Dann schreibst du ein Foto von deinem Frühstück zurück, und ich bin beruhigt.“
Er lachte, leise, mit geschlossenen Augen. „Dann bekommst du ein sehr schönes Foto.“
Draußen fing es an zu regnen. Sie blieben sitzen, bis das Wasser in den Gläsern lauwarm war und die Weintrauben verschwunden, und keiner von beiden hätte sagen können, ob der Abend nun zu Ende oder gerade erst richtig angekommen war.
Am Morgen fand Ilka eine Nachricht auf dem Handy. Sie bestand aus einem Foto: zwei Spiegeleier, in Herzform gebraten, ein bisschen schief, ein bisschen angebrannt.
Darunter stand: Mir geht es hervorragend. Und dir?


