
Symbolbild
Spanking & DisziplinDas Strafbuch vom Leuchtfeuer
Das Logbuch für Wind und Pegel lag offen auf dem Tisch, aber Gunnar sah nur das schwarze Heft daneben. Wilhelmine hatte es aus der untersten Schublade geholt, mit zwei Fingern, wie man einen Fisch am Schwanz hält.
„Dienstag, vierzehn Uhr zehn“, las sie vor. „Die Leine für die Signalflagge nicht eingeholt. Sturmwarnung. Die Flagge hing im Regen wie ein nasses Handtuch.“
„Es hat nur genieselt.“
„Es hat gegossen. Und du hast mit dem Fernglas nach Seehunden gesucht.“ Sie klappte das Heft zu. „Das ist der dritte Eintrag diese Woche, Gunnar. Ich führe das Buch nicht zum Vergnügen.“
„Nein“, sagte er. „Zur Gerechtigkeit.“
„Zur Ordnung. Das Vergnügen kommt hinterher, wenn überhaupt.“
Sie war sechsundfünfzig, Leuchtturmwärterin im Ruhestand, den sie bloß als Bezeichnung für das Gehalt gelten ließ, und sie führte das Haus am Turm, als wäre es ein Schiff. Gunnar, achtundfünfzig, früher Kapitän auf der Fähre, hatte nach vierzig Jahren am Steuer entdeckt, wie erholsam es war, nicht der Einzige zu sein, der etwas zu sagen hatte. Die Hausordnung hing neben der Tür, in Wilhelmines kerniger Schrift. Paragraf vier: Wer ein Versäumnis begeht, meldet es selbst.
„Hast du dich gemeldet?“, fragte sie.
„Ich habe gehofft, dass du es nicht merkst.“
„Das ist Paragraf vier, Absatz Zwei, und den gibt es noch gar nicht, aber ich schreibe ihn gleich dazu.“ Sie zog den Kugelschreiber aus dem Haar. „Safeword?“
„Nebelhorn.“
„Gut. Dann komm.“
Der Wind pfiff um den Turm, und irgendwo oben knarrte das alte Gestänge. Sie setzte sich auf den Küchenstuhl, den sie dafür immer ans Fenster stellte, weil das Licht dort am gnädigsten war. Er trat neben sie, und sie sagte, ohne aufzusehen: „Du weißt, warum.“
„Wegen der Flagge.“
„Wegen der Flagge, und weil du es verheimlichen wolltest. Das zählt doppelt.“
„Das ist unfair.“
„Das ist Seerecht.“ Ihre Mundwinkel zuckten, sie unterdrückte es nur halb. „Leg dich über mein Knie, Käpt'n.“
Er tat es, mit dem Seufzen eines Mannes, der nichts anderes im Sinn gehabt hatte. Ihre Hand lag erst nur da, groß und warm auf dem Stoff, und er spürte, wie sein Atem sich umstellte. Dann kam der erste Klaps, gemessen wie ein Glockenschlag, und der zweite, und sie zählte mit tiefer Stimme laut mit, damit er nicht vergaß, dass es eine Zahl gab und ein Ende.
„Sechs für die Flagge“, sagte sie. „Drei für das Verschweigen. Und?“
„Und ich bin ein Schuft.“
„Das haben wir schon. Weiter.“
„Und es tut mir leid.“
„Das glaube ich dir sogar.“ Sie strich einmal langsam über den Rücken, und er hörte auf zu zählen und fing an zu schmelzen. „Neun. Fertig. Du hast tapfer gestanden.“
Danach kam der Teil, den kein Buch erwähnte. Sie breitete die Wolldecke über ihn und ließ ihn liegen, während der Wasserkessel zu pfeifen begann. Sie schenkte Tee mit zwei Löffeln Honig ein, hielt ihm die Tasse, bis seine Hände aufhörten zu zittern, und sagte nichts, was nicht gut tat.
„Wie geht es dir?“, fragte sie schließlich.
„Als hätte jemand den Anker gelichtet.“
„Dann trag den Eintrag ein.“
Er nahm das schwarze Heft und schrieb unter ihre Zeile, mit zittriger Schiffsschrift: Erledigt. Gerecht. Tee vorzüglich.
Wilhelmine las es, schnaubte und klappte das Buch zu. Draußen drehte sich oben im Turm das Licht und strich über Wasser und Watt. Sie legte den Arm um seine Schultern.
„Morgen holst du die Flagge rechtzeitig ein.“
„Ja, Wilhelmine.“
„Und am Samstag“, sagte sie und küsste ihn aufs Ohr, „kannst du mir wieder etwas vorlesen. Ich hatte da ein Buch im Auge, mit sehr vielen Gewittern.“


