
Symbolbild
Ratgeber-GeschichtenDas Safeword heißt Pinguin
Henrike hielt den Kugelschreiber wie ein Skalpell und sah Bastian über den Rand der Pizzaschachtel hinweg an.
„Wir brauchen ein Wort“, sagte sie. „Eins, das alles anhält.“
„Wie wäre es mit ‚Stopp‘?“
„Stopp ist ein schlechtes Wort. Stopp sagt man auch im Spiel, und dann kichert man, und der andere macht weiter. Ein Safeword muss so seltsam sein, dass man es nie aus Versehen sagt, und so eindeutig, dass es niemand für einen Scherz hält.“
Bastian, einundvierzig, Bauingenieur und Mann mit Hang zu Listen, kaute nachdenklich. „Brandschutzverordnung.“
„Zu lang. Wenn dir die Luft wegbleibt, schaffst du keine sieben Silben.“
„Pinguin“, sagte er, und sie lachten beide, bis ihr die Tränen kamen.
„Pinguin“, wiederholte sie, ernst geworden. „Zwei Silben, kein Mensch sagt es im Bett, und ich werde nie wieder einen Zoo betreten können, ohne rot zu werden. Genommen.“
Sie schrieb es oben auf die Serviette, unterstrichen. Darunter malte sie drei Kreise und füllte sie mit dem Stift aus, so gut es bei einem einzigen Kugelschreiber ging.
„Grün heißt: mehr davon. Gelb heißt: langsamer, anders, ich brauche einen Moment, aber ich bleibe hier. Rot ist Pinguin. Rot heißt: Alles hört auf, sofort, ohne Diskussion.“
„Und wenn ich Gelb sage und eigentlich Rot meine?“
„Dann ist es besser, du sagst es zu früh als zu spät. Ich nehme dir keins von beiden übel.“ Sie stützte das Kinn auf die Hand. „Jetzt kommt der wichtige Teil. Was passiert danach?“
Bastian überlegte. Er war nicht gewohnt, dass jemand ihn nach Dingen fragte, die er sich noch nie überlegt hatte, und er merkte, dass er es mochte.
„Du lässt los“, sagte er langsam. „Du bist nicht beleidigt. Du fragst nicht, warum.“
„Nicht in der ersten Minute. Erst Wasser, erst eine Decke, erst du. Reden können wir morgen, wenn du willst, oder in zehn Minuten, wenn dir das lieber ist. Und ich verspreche dir etwas.“ Sie wartete, bis er sie ansah. „Ein Pinguin ist kein Versagen. Ein Pinguin ist ein Geschenk. Er sagt mir, dass du mir genug vertraust, um die Wahrheit zu sagen.“
Er schluckte, und etwas in seinem Gesicht wurde weich.
„Und du?“, fragte er. „Darfst du auch?“
„Ich muss sogar. Es gilt für uns beide.“
„Dann will ich eine Probe.“
„Jetzt?“
„Jetzt. Damit wir wissen, dass es funktioniert.“
Sie stand auf, kam um den Tisch herum und legte ihm beide Hände auf die Schultern. Es war keine Szene, kein Spiel, nur ein Küchenabend mit kaltem Pizzarand. „Ich werde dir gleich etwas Albernes befehlen“, sagte sie. „Du sagst das Wort, und ich höre auf.“
„Hol mir ein Glas Wasser.“
„Pinguin“, sagte er sofort.
Sie nahm die Hände von seinen Schultern, lächelte und trat einen Schritt zurück. Kein Seufzen, kein Nachfragen. „Danke“, sagte sie. „Genau so. Wie fühlt sich das an?“
„Seltsam“, gestand er. „Gut seltsam. Als hätte ich einen Notausgang gefunden und müsste ihn nie benutzen.“
„Dann ist er der beste Raum im Haus.“
Sie holte beide Gläser selbst, setzte sich wieder und schob ihm das letzte Stück Pizza hin. Die Serviette lag zwischen ihnen, fleckig, mit drei bunten Kreisen und einem Wort, das nach Eis und Frack klang.
Bastian faltete sie sorgfältig zusammen und steckte sie in seine Brusttasche, direkt über dem Herzen.
„Für alle Fälle“, sagte er.
„Für alle Fälle“, sagte Henrike. „Und für die Abende, an denen wir sie gar nicht brauchen.“


