Judith geht tanzen
Die Tanzschule hieß Zum goldenen Schritt und roch nach Bohnerwachs und Lavendelreiniger. Tobias saß seit einer halben Stunde in der Bar nebenan, vor einem Wasser, das er nicht anrührte, und dachte darüber nach, dass man sich nach zwanzig Jahren Ehe auf neue Weise verlieben konnte, wenn man bereit war, es auszuhalten.
Es war Judiths Idee gewesen. Nicht der Mann, den hatte sie sich nicht ausgedacht. Sondern der Abend. „Ich möchte einmal wieder jemanden erleben, der mich nicht kennt", hatte sie gesagt, und er hatte verstanden, was sie meinte: nicht ihn ersetzen, sondern sich selbst zurückholen. Jene Judith, die mit neunzehn Walzer getanzt hatte, bis die Schuhe durchgelaufen waren.
„Du darfst zusehen, wenn du willst", hatte sie gesagt. „Von der Bar aus. Durch die Glastür."
„Und wenn ich es nicht ertrage?"
„Dann gehst du, und ich komme dir nach, ohne Erklärung. Wir haben ein Wort." Sie lächelte. „Ich habe es mir gemerkt: Zimtschnecke."
„Das schönste Safeword der Welt."
„Und das unauffälligste."
Jetzt sah er sie durch die Tür. Sie trug das nachtblaue Kleid, das er ihr zum Fünfzigsten geschenkt hatte, und ein Mann Mitte fünfzig führte sie über das Parkett, gepflegt, aufmerksam, ein Lehrer, wie er später erfuhr. Sie tanzte wunderbar. Das war die erste Erkenntnis, und sie traf ihn wie ein warmer Schlag: Sie tanzte wunderbar, und er hatte es seit Jahren nicht gesehen, weil er selbst zu steif gewesen war, um mitzuhalten.
Die Eifersucht kam, schnell und scharf, und ging wieder. Er trank einen Schluck Wasser. Er zählte die Fliesen unter dem Tresen. Er dachte an die Zeit, als er ihr Briefe geschrieben hatte, und beschloss, bald wieder einen zu schreiben.
Als der Tanz endete, lachte Judith, den Kopf im Nacken, und warf einen Blick durch die Tür. Sie fand ihn sofort. Sie hob zwei Finger, ein winziges Zeichen: Alles gut. Und du?
Er hob einen Daumen. Er meinte es. Sie lächelte ihm über die Köpfe der Tanzenden zu, ein Lächeln nur für ihn, und er spürte, wie sich in seinem Bauch etwas löste, das seit Tagen verkrampft gewesen war.
Sie kam kurz vor Mitternacht, mit roten Wangen und einem Schuh in der Hand.
„Blase", sagte sie. „Der Fuß hat protestiert. Es war herrlich."
„Du hast ausgesehen wie damals."
„Wie damals?" Sie setzte sich neben ihn und streifte den zweiten Schuh ab. „Ich habe ausgesehen wie jetzt. Das ist der Unterschied."
Er nahm ihren Fuß in den Schoß und begann ihn zu massieren, mitten in der Bar, ohne Scham. Der Wirt polierte angelegentlich Gläser.
„Er hat gefragt, ob ich wiederkomme", sagte sie.
„Und?"
„Ich habe gesagt, ich müsse erst meinen Mann fragen." Sie sah ihn an, prüfend, zärtlich. „Möchtest du, dass ich wiederkomme?"
Er brauchte einen Moment. Dann sagte er die Wahrheit, weil sie es verdient hatte: „Ich möchte, dass du tanzt. Ich möchte, dass du so strahlst. Und ich möchte, dass ich dabei sein darf, wenn du heimkommst."
„Das ist ein Ja."
„Mit Bedingungen."
„Ich liebe deine Bedingungen." Sie beugte sich vor und küsste ihn auf die Schläfe. „Und nächstes Mal tanzt du mit mir, vorher. Als Aufwärmung. Gnadenlos."
„Ich habe zwei linke Füße."
„Dann nehmen wir deine Hände", sagte sie und stand auf, hielt ihm die ihre hin und führte ihn, barfuß und lachend, zwischen die Barhocker, wo die Musik aus der Nachbartür noch gerade ausreichte für einen langsamen Walzer.