Der Wartende am Küchentisch
Um halb acht stand Vera im Flur und prüfte im Spiegel ihren Lippenstift, ein dunkles Weinrot, das Carsten am liebsten mochte und das er heute zum ersten Mal nicht bei sich haben würde.
„Zu viel?", fragte sie.
„Genau richtig." Er lehnte im Türrahmen der Küche, die Hände in den Hosentaschen, damit sie nicht sahen, wie sie sich ballten. „Du siehst aus, als würdest du eine Bank überfallen wollen."
„Nur ein kleines Herz." Sie drehte sich zu ihm um. „Noch mal die Regeln?"
„Wir haben sie dreimal durchgesprochen."
„Dann ein viertes Mal. Du magst es, wenn man dich nicht im Ungewissen lässt, und ich mag es, wenn du es mir sagst." Sie zählte an den Fingern ab. „Ich schreibe dir um zehn. Ein Wort genügt. Wenn du anrufst, gehe ich ran, egal wo. Und um Mitternacht, spätestens halb eins, bin ich hier."
„Und wenn dir irgendetwas nicht passt?"
„Dann bin ich schneller zu Hause, als du Kreuzworträtsel sagen kannst."
Er lachte, und es klang beinahe echt. Sie sah es und kam noch einmal auf ihn zu, legte ihm die Hand an die Wange. „Carsten. Wenn du es dir anders überlegst, jetzt, in dieser Minute, ziehe ich den Mantel wieder aus. Das meine ich ernst."
„Ich weiß." Er küsste ihre Handfläche. „Deshalb kannst du gehen."
Die Tür fiel ins Schloss. Das Treppenhaus roch nach ihrem Parfüm, noch eine Minute lang, dann nach nichts mehr.
Er kochte Tee. Er schaufelte Teebeutel in die Kanne, vergaß, dass er schon gekocht hatte, und kochte noch einmal. Er setzte sich an den Küchentisch und fand für „Fluss in Südfrankreich, vier Buchstaben" keine Lösung. Es war nicht die Eifersucht, die ihn überraschte, die hatte er erwartet, sie saß da wie ein Gast, der zu früh gekommen war. Es war die Zärtlichkeit darunter. Er stellte sich vor, wie Vera lachte, den Kopf zurückgeworfen, und wollte nicht, dass sie damit aufhörte. Auch nicht heute.
Um zehn vibrierte das Telefon.
Mir geht es gut. Du fehlst mir an der Seite, aber nur ein bisschen. Wie ist der Tee?
Zweimal gekocht, schrieb er. Das Rätsel gewinnt.
Lass es gewinnen. Bis später.
Er las es dreimal und merkte, dass sein Atem ruhiger geworden war. Das war der eigentliche Zweck der Nachricht, begriff er, und Vera hatte es gewusst.
Um Viertel nach zwölf hörte er den Schlüssel. Er saß noch am Tisch, die Kanne längst kalt, das Rätsel zur Hälfte gelöst. Vera trat ein, die Wangen gerötet, der Lippenstift fast verschwunden, die Schuhe in der Hand.
„Du bist noch auf."
„Ich habe auf den Fluss gewartet. Es war die Aude."
Sie lachte und ließ sich auf den Stuhl ihm gegenüber fallen. Einen Moment sagten sie nichts. Er sah sie an und suchte nach der Angst in sich, fand aber nur Neugier und diese seltsame, warme Wachheit.
„Willst du etwas wissen?", fragte sie leise. „Heute, oder morgen früh, oder nie. Du bestimmst."
„Erst einmal", sagte er, „will ich, dass du hier sitzt."
„Das tue ich."
„Und dass du mir den Rest erzählst, wenn ich bereit bin. Aber nicht heute."
„Abgemacht." Sie streckte die Hand über den Tisch, und er nahm sie. Ihre Finger waren kühl von der Nachtluft und fest in seinen. „Danke, dass du gewartet hast."
„Danke, dass du wiedergekommen bist."
„Das war nie eine Frage."
„Ich weiß", sagte er. „Aber es ist schön, es zu hören."
Sie zog die Hand zurück, stand auf, ging um den Tisch und setzte sich ohne ein weiteres Wort auf seinen Schoß, die Stirn an seiner Schläfe. Er legte die Arme um sie. Draußen fuhr ein letzter Bus vorbei.
„Kommst du mit ins Bett?", flüsterte sie. „Ich möchte, dass du mich daran erinnerst, wohin ich gehöre."
Er stand auf, mit ihr im Arm, und löschte das Licht.