Die Überprüfung im November
Der Vertrag lag in einer Klarsichthülle auf dem Küchentisch, neben der Teekanne und einem Teller mit Spekulatius. Zwölf Seiten, im vergangenen November unterschrieben, mit Datum, Zeugenvermerk und einem Kaffeefleck auf Seite sieben, den beide für ein gutes Omen hielten.
„Überprüfungstermin“, sagte Magnus und setzte seine Lesebrille auf. Er war zweiundfünfzig, Uhrmacher, und er nahm jede Abmachung so ernst wie ein Uhrwerk. „Wir gehen Absatz für Absatz vor. Wer etwas ändern will, sagt es, bevor wir weiterblättern.“
„Ja, Herr.“ Wanda saß ihm gegenüber, aufrecht, die Hände flach auf dem Tisch. Sie war vierundvierzig, Hebamme, und seit einem Jahr trug sie zu Hause ein schmales Lederband am Hals, das morgens nicht zufällig vor dem Spiegel lag. „Aber ich habe vorher eine Frage.“
„Bitte.“
„Darf ich den Tee einschenken? Dann habe ich etwas zu tun mit den Händen.“
Er lächelte. „Das ist die beste Frage, die ich seit Wochen gehört habe.“
Sie gingen den Vertrag durch. Absatz eins, die Anrede, blieb. Absatz drei, die Abendroutine, wurde um einen Zusatz ergänzt: Auf Wunsch von Wanda durfte der Herr nach Spätdiensten nicht mehr fragen, wie es gewesen sei, sondern sollte einfach das Badewasser einlassen. Absatz fünf, die Grenzen, blieb unberührt, bis auf die Zeile Das Wort ist „Kuckuck“, bei der Magnus, der sich das Wort nie hatte merken wollen, kurz die Stirn runzelte.
„Du hast es dir selbst ausgesucht“, erinnerte Wanda.
„Ich weiß. Ich habe nur gehofft, dass du es nie brauchst.“
„Ich habe es einmal gebraucht. Im Februar, bei der Sache mit dem Keller.“
„Und ich habe sofort aufgehört.“
„Und du hast mir eine Stunde lang Suppe gekocht.“ Sie sah ihn an, und etwas in ihrem Blick wurde weich. „Deshalb stehe ich jetzt hier. Oder sitze. Deshalb habe ich eine Änderung.“
Magnus legte die Hände übereinander. Er hatte gelernt, dass man ein Uhrwerk nicht schüttelt, wenn man wissen will, was klemmt.
„Ich höre.“
„Absatz neun. Die Sklavin dient auf Zeit, die Dauer wird jährlich neu vereinbart.“ Sie zog ein Blatt aus der Tasche, ihr eigenes Blatt, beschrieben in der klaren Schrift, mit der sie sonst Geburtsprotokolle führte. „Ich möchte, dass da steht: auf Dauer, mit jährlicher Überprüfung. Nicht, weil ich festgelegt sein will. Sondern weil ich merke, dass ich mich nicht mehr jedes Jahr neu entscheide. Ich bin längst entschieden. Die Überprüfung ist dafür da, dass du weißt, du kannst mich jederzeit gehen lassen, und ich dich.“
Es war still in der Küche. Draußen tropfte der Regen vom Fensterbrett.
„Das ist eine große Änderung“, sagte Magnus schließlich, und seine Stimme war nicht ganz sicher.
„Es ist ein kleiner Satz.“
„Es ist der größte Satz in diesem Vertrag.“ Er nahm den Füller, schraubte ihn auf und hielt ihn dann einfach in der Hand. „Ich darf dich fragen, ob du dir sicher bist?“
„Das ist deine Pflicht.“
„Bist du dir sicher?“
„So sicher, wie ich bei einer Geburt bin, wenn der Kopf schon zu sehen ist.“ Sie lachte, und ihre Augen glänzten. „Ich weiß, das war kein romantischer Vergleich.“
„Es war der romantischste, den ich je gehört habe.“
Er schrieb. Die Änderung nahm zwei Zeilen ein, am Rand von Seite neun, neben dem Kaffeefleck, der nun wirklich als Glücksbringer taugte. Dann unterschrieb er, drehte das Blatt und schob es ihr zu. Sie setzte ihren Namen darunter, langsam, Buchstabe für Buchstabe.
„Zeugin?“, fragte sie.
Magnus sah sich um und nahm den Spekulatius vom Teller. „Der da. Er hat alles gehört.“
„Er ist verfressen, aber verschwiegen.“
„Wanda.“
„Ja, Herr?“
„Steh auf.“ Er wartete, bis sie vor ihm stand, und strich ihr mit dem Daumen über das Lederband, genau dort, wo es auf der Haut lag. „Das Badewasser läuft schon. Es war nur nicht im Vertrag.“
Sie lehnte die Stirn an seine Schulter. „Dann“, sagte sie leise, „lässt du es besser nicht kalt werden.“