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Reihe: Die Fähre um sechs · Teil 2 von 3

Die Fähre um sechs – Teil 2: Die Frage

Die Frage lautete: „Was würde passieren, wenn Sie einmal nicht wüssten, was als Nächstes kommt?“

Ulrike hatte sie am Samstagmorgen auf einem Zettel gefunden, der unter dem Scheibenwischer ihres Autos klemmte. Jakob schrieb mit Bleistift, in kleinen, klaren Buchstaben, und er hatte darunter nur drei Zeilen gesetzt: Sonntag, zwölf Uhr, am Fähranleger Nord. Ich koche. Sie müssen nichts mitbringen außer Ihre Antwort.

Sie hatte den Zettel dreimal zerknüllt und dreimal wieder glatt gestrichen. Dann hatte sie sich um halb zwölf ins Auto gesetzt und war losgefahren, mit einem Gesicht, wie sie es für Verhandlungen aufsetzte.

Das Fährhaus war ein niedriges, weiß gekalktes Gebäude mit grünen Läden. Jakob stand in der Küche, in einer Schürze, die ihm eindeutig nicht gehörte, und rührte in einem Topf.

„Linsen“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Ich koche nichts anderes. Setzen Sie sich.“

„Ich bin nicht gekommen, um zu essen.“

„Doch. Aber nicht nur.“

Sie setzte sich. Auf dem Tisch lag ein Notizbuch mit Leineneinband, aufgeschlagen, und sie sah, dass er auf die linke Seite „Ja“ und auf die rechte „Nein“ geschrieben hatte, und darunter, in ordentlichen Spalten, Dinge. Sie las: Anrede. Berührung. Nachfrage. Pausen. Wort zum Abbrechen.

„Was ist das?“

„Eine Landkarte“, sagte Jakob. Er stellte zwei Teller hin, setzte sich ihr gegenüber und faltete die Hände. „Ich will nichts mit Ihnen tun, was Sie nicht wollen. Aber ich glaube, dass Sie etwas wollen, das Sie sich selbst nicht erlauben, und ich glaube, dass wir zusammen herausfinden könnten, was. Ich führe gern, Ulrike. Nicht laut. Nicht hart. Aber bestimmt. Und ich weiß, dass das, was ich gesehen habe, auf der Fähre, zu Ihnen gehört.“

Sie spürte, wie ihr die Hitze in den Hals stieg. „Das ist ... verrückt. Ich leite einhundertachtzig Menschen.“

„Und niemand leitet Sie.“

„Das ist kein Problem, das ist mein Beruf.“

„Es ist beides“, sagte er. „Essen Sie. Ich diktiere Ihnen nichts. Ich frage nur.“

Sie aß. Die Linsen waren erstaunlich gut, mit Lorbeer und einem Spritzer Essig, und während sie aß, fragte er, und sie antwortete. Ob sie gern Anweisungen bekam, wenn sie klar waren. Ja. Ob sie gern gelobt wurde. Sie zögerte, dann: „Ja.“ Ob sie es mochte, wenn jemand ihr die Hand auf den Rücken legte, bestimmt, ohne zu fragen. Sie legte den Löffel ab.

„Ich ... weiß nicht.“

„Dann schreiben wir ‚vielleicht‘.“ Er notierte es, mit einer Sorgfalt, die sie beinahe rührte. „Und ein Wort. Etwas, das Sie sagen können, wenn alles aufhören soll. Nichts Kompliziertes.“

„Termin“, sagte Ulrike sofort.

Er sah auf. „Termin?“

„Das ist das einzige Wort in meinem Leben, bei dem alle sofort aufhören.“

Jakob lachte, ein tiefes, ehrliches Lachen, das ihr ins Zwerchfell fuhr. „Termin. Gut. Wenn Sie ‚Termin‘ sagen, ist Schluss. Sofort. Ohne Diskussion.“

Er stand auf, räumte die Teller ab, trat hinter ihren Stuhl. Sie spürte seine Anwesenheit im Nacken, noch bevor er etwas tat. „Darf ich?“

„Was?“

„Meine Hand auf Ihre Schulter.“

Ihr Atem stockte. „Ja.“

Die Hand legte sich auf sie, warm und schwer, und etwas in ihr, das seit Jahren unter Spannung gestanden hatte, gab ein winziges Stück nach. Sie schloss die Augen.

„Gut“, sagte er leise. „Sehr gut. Das war schon alles für heute.“

„Das ist alles?“

„Das ist ein Anfang. Montag, sechs Uhr, auf der Fähre.“ Er zog die Hand zurück, und sie vermisste sie sofort. „Und Ulrike: Ich habe noch eine Bedingung.“

„Welche?“

„Sie trinken meinen Kaffee. Jeden Tag. Ohne ihn auf der Bank stehen zu lassen.“

Sie lächelte, zum ersten Mal an diesem Tag richtig. Aber als sie zum Auto ging, bemerkte sie, dass Jakob ihr noch etwas in die Manteltasche geschoben hatte: einen zweiten Zettel, gefaltet, mit nur einem Satz.

Am Freitag stelle ich Ihnen die Aufgabe, vor der Sie sich am meisten fürchten.

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JA
Julian Arndt

Schreibt über Führung, Fürsorge und die Ruhe, die in klaren Absprachen liegt. Seine Geschichten spielen gern in Werkstätten, auf Booten und an langen Tischen.

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