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Reihe: Die Fähre um sechs · Teil 3 von 3

Die Fähre um sechs – Teil 3: Das Steuer

Die Aufgabe, vor der sie sich am meisten fürchtete, war: gar nichts zu tun.

„Das ist alles?“, fragte Ulrike am Freitagabend, als Jakob sie am Anleger empfing. Es war schon dunkel, die Möwe II lag still am Steg, die Lichter spiegelten sich auf dem Wasser wie eine Handvoll Münzen. „Nichts tun?“

„Nichts planen, nichts entscheiden, nichts kontrollieren.“ Er hielt ihr die Hand hin. „Eine Stunde. Die Fähre gehört mir. Sie sind mein einziger Fahrgast.“

„Und wenn ich es nicht aushalte?“

„Dann sagen Sie Ihr Wort.“ Seine Stimme war weich, aber da war etwas darunter, fest wie Eichenholz. „Und dann trinken wir Tee und fahren ein anderes Mal. Es gibt keine Wertung, Ulrike. Es gibt nur Sie und mich und ein Boot.“

Sie ließ sich von ihm an Bord helfen. Das Deck war leer, aber im Aufenthaltsraum brannte Licht, und auf der Bank lag eine Wolldecke. Jakob führte sie dorthin, ohne sie zu hetzen, und sagte: „Setzen Sie sich. Handy aus. Schuhe aus. Atmen.“

„Sie klingen wie mein Yogalehrer.“

„Mein Rat: Reden Sie nicht von anderen Männern, wenn Sie bei mir sitzen.“ Er zwinkerte. Sie lachte, und im selben Moment merkte sie, wie ihre Schultern zum ersten Mal an diesem Tag nach unten rutschten.

Er wickelte die Decke um sie, stellte einen Becher mit Tee neben sie, setzte sich ihr gegenüber. „Jetzt hören Sie mir zu. Ich sage Ihnen, was passiert. Ich löse die Leinen, ich fahre uns hinaus, einmal quer über den See und zurück. Sie sehen zu. Sie müssen weder Kurs noch Zeit noch Ankunft kennen. Ich sage Ihnen, wenn wir da sind.“

„Das ist ... schrecklich.“

„Ich weiß.“ Er lächelte. „Deshalb bin ich da.“

Der Motor sprang an, ein tiefes, gleichmäßiges Brummen, das ihr in die Knochen fuhr. Die Lichter des Ufers wurden kleiner. Jakob stand am Steuer, den Rücken breit und ruhig, und sie sah ihm zu und merkte, dass sie nicht rechnete. Sie zählte nicht die Minuten, sie ordnete keine Mails. Da war nur das Wasser, schwarz und glatt, und der Mond, und dieses Gefühl, getragen zu werden, wie sie es seit Kindertagen nicht gekannt hatte.

Auf halbem Weg stellte er den Motor auf Leerlauf. Er kam zu ihr, kniete sich vor die Bank und nahm ihre Hände in seine.

„Ulrike. Sagen Sie mir, wie es Ihnen geht.“

„Ich ...“ Ihre Stimme brach. Sie wischte sich über die Augen und lachte, nass und überrascht. „Ich weine. Das ist peinlich.“

„Es ist das Schönste, was Sie mir bisher gezeigt haben.“ Er hob ihre Hand an die Lippen, drückte einen Kuss auf die Knöchel. „Gut gemacht. Ich bin sehr stolz auf Sie.“

Der Satz traf sie bis ins Mark. Niemand hatte das je gesagt, nicht so, nicht ohne einen Grund, nicht ohne Leistung. Sie schlang die Arme um seinen Hals, und er hielt sie, ruhig und fest, und sagte in ihr Haar: „Ich hab dich. Du darfst loslassen.“

Sie blieben lange so. Irgendwann stand er auf, zog sie mit, und sie fuhren den Rest der Strecke zusammen, er am Steuer, sie dicht an seine Seite gelehnt, die Wolldecke um beide gelegt. Die Lichter des Anlegers kamen näher.

„Wir sind da“, sagte Jakob.

„Schon?“

„Es gibt nur einen Haken“, sagte er, und seine Augen funkelten. „Morgen früh um sechs ist wieder Dienst. Und der Fahrgast, den ich am liebsten habe, steigt oft mit schlechter Laune zu.“

„Dann sorgen Sie dafür“, sagte Ulrike, den Kopf an seiner Schulter, „dass sie nicht lange anhält.“

„Befehl angenommen.“

Das Boot legte an, so sanft wie eine Hand, die sich auf eine Schulter legt. Und als Ulrike über die Planke an Land ging, hatte sie den Kaffeebecher schon in der Hand. Es war ihr eigener, mit Initialen, den sie vorsorglich von zu Hause mitgebracht hatte.

„Der gehört jetzt hierher“, sagte sie. „Jeden Morgen. Wenn Sie erlauben.“

„Ich erlaube es“, sagte Jakob. „Und noch viel mehr.“

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Lieber jetzt am Telefon? Eigentum auf Zeit Ohne Namen Anziehen nach Ansage Alle Hotlines

JA
Julian Arndt

Schreibt über Führung, Fürsorge und die Ruhe, die in klaren Absprachen liegt. Seine Geschichten spielen gern in Werkstätten, auf Booten und an langen Tischen.

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