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Reihe: Die Fähre um sechs · Teil 1 von 3

Die Fähre um sechs – Teil 1: Der Fahrgast

Ulrike Maaß nahm die Fähre um sechs, weil sie die einzige war, auf der niemand sie ansprach. Das Boot hieß Möwe II, fasste vierzig Passagiere, und um diese Uhrzeit fuhren darunter höchstens fünf: ein Bäcker, zwei Schichtarbeiterinnen, ein alter Mann mit Hund und sie, die Geschäftsführerin einer Logistikfirma mit hundertachtzig Angestellten und einem Terminkalender, der nie Lücken kannte.

Sie war einundvierzig und hatte seit neun Jahren nicht mehr gefragt, was sie wollte. Sie wusste es nämlich immer. Sie wusste es, bevor andere es wussten.

An einem Dienstag im September, Nebel auf dem Wasser, stand sie an der Reling und telefonierte mit dem Lagerleiter, als hinter ihr jemand sagte: „Entschuldigung, wenn ich störe.“

Sie drehte sich um. Der Kapitän, ein Mann um die fünfundvierzig, breit, ruhig, in einer verwaschenen blauen Jacke, hielt eine Thermoskanne in der Hand. Sie kannte sein Gesicht von hundert Überfahrten. Sie kannte nicht seinen Namen.

„Sie haben“, sagte er, „seit drei Wochen nicht einmal den Kaffee getrunken, den Sie sich am Kiosk holen. Er steht immer am Ende der Fahrt unberührt auf der Bank.“

„Und?“

„Ich wollte nur sagen: Der Kaffee tut mir leid. Wenn Sie wollen, gebe ich Ihnen meinen. Er ist schlechter, aber er ist heiß.“

Ulrike legte auf. Sie hatte ihre Stimme für Kündigungen, für Aufsichtsräte, für Lieferanten, die zu spät kamen, und sie setzte sie jetzt ein. „Ich brauche keinen Kaffee. Ich brauche Ruhe.“

„Dann sind Sie hier richtig.“ Er lächelte nicht, aber seine Augen taten es. „Ruhe ist unser Hauptprodukt.“

„Sie sind ziemlich frech für einen Mann in einer Jacke mit Loch am Ärmel.“

„Das Loch ist von der Leine. Die Frechheit ist angeboren.“ Er schraubte die Kanne auf, goss ein, hielt ihr den Becher hin. „Jakob. Jakob Lindner.“

Sie nahm den Becher, mehr aus Verwunderung als aus Durst. Der Kaffee war tatsächlich schlecht. Er war stark, ein bisschen bitter, und er schmeckte nach Morgen.

„Ulrike“, sagte sie.

„Ich weiß. Es steht auf Ihrer Dauerkarte.“

Sie verdrehte die Augen, und er lachte leise, ohne sich entschuldigen zu wollen. In den folgenden Tagen wurde der Kaffee zur Gewohnheit. Er sagte kaum etwas, nur Sätze wie: „Nebel heute, stellen Sie den Kragen hoch.“ Oder: „Sie atmen schneller, wenn das Telefon klingelt. Das fällt auf.“

Am Freitag wurde sie wütend. Sie stellte den Becher auf die Bank und sagte: „Herr Lindner, ich bin es gewohnt, dass man mir zuhört, nicht dass man mich beobachtet.“

„Ich beobachte nur das Wasser.“ Er lehnte neben ihr an der Reling, mit den Händen in den Taschen, und sah geradeaus. „Aber das Wasser zeigt viel. Es zeigt, wer einen Kurs hält und wer einen Kurs führt. Sie führen. Sie führen jeden Tag, jede Stunde. Und manchmal, wenn Sie glauben, niemand schaut, schließen Sie die Augen und lassen die Schultern fallen. Dann sehen Sie aus wie jemand, der gern einmal gefahren würde.“

Ulrike stand sehr still. Ihr Herz schlug irgendwo oberhalb der Kehle. Niemand hatte das je gesagt. Niemand hatte es gewagt.

„Das ist“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte, „eine unerhörte Annahme.“

„Dann sagen Sie, dass sie falsch ist.“

Sie öffnete den Mund. Der Nebel lichtete sich, das andere Ufer tauchte auf, Anlegeplatz, Poller, ein Mann, der die Leine warf. Der Moment für den Satz ging vorüber.

„Wir legen an“, sagte Jakob sanft. „Ich muss zum Steuer. Aber wenn Sie morgen wiederkommen, bringe ich keinen Kaffee mit.“

„Sondern?“

„Eine Frage. Eine einzige.“ Er legte zwei Finger an die Mütze, wie ein Mann, der Respekt hat und Zeit. „Und Sie dürfen die Antwort bis Montag aufschieben.“

Er ging. Ulrike blieb an der Reling stehen, die Hand um einen leeren Becher geschlossen, und merkte, dass sie zum ersten Mal seit Jahren nicht wusste, was als Nächstes kam.

◆

Lieber jetzt am Telefon? Eigentum auf Zeit Ohne Namen Anziehen nach Ansage Alle Hotlines

JA
Julian Arndt

Schreibt über Führung, Fürsorge und die Ruhe, die in klaren Absprachen liegt. Seine Geschichten spielen gern in Werkstätten, auf Booten und an langen Tischen.

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