Das Metronom
„Du schlägst zu schnell", sagte Rosalie.
„Ich schlage gar nicht. Ich liege."
„Dein Herz schlägt zu schnell." Sie hatte die Finger an seinem Handgelenk, zwei kühle Spitzen, die den Takt aufnahmen wie ein Dirigent. „Fünfundachtzig. Wir wollen sechzig."
Fabian lag auf dem Perserteppich im Probenraum, den Rücken auf zwei Kissen, die Augen geschlossen. Er war dreiunddreißig Jahre alt, Tontechniker, und hatte in seinem Leben tausend Stunden mit Kopfhörern verbracht, aber nie eine Minute damit, einfach zuzuhören. Neben dem Cello stand auf dem Notenpult ein altes Holzmetronom, dessen Pendel sie auf sechzig gestellt hatte.
Tick. Tick. Tick.
„Das Wort ist Fermate", sagte sie. „Wenn du eine Pause brauchst. Dann halte ich an, ohne dass du erklären musst."
„Eine Fermate ist doch eine verlängerte Note."
„Genau. Sie dehnt die Zeit, statt sie zu beenden. Ich dachte, das passt zu uns."
Er lächelte, die Augen weiter geschlossen. „Und was tun wir?"
„Du atmest zum Takt. Ein bei zwei, aus bei vier. Und ich spiele."
Sie setzte sich ans Cello. Zuerst nur ein einzelner tiefer Ton, lang gezogen, der durch den Teppich in seinen Rücken kroch, durch die Rippen, in den Bauch. Er hörte, wie der Bogen die Saite fand, wie das Holz mitschwang, wie sie atmete, bevor sie ansetzte. Es war, als hätte jemand eine Lupe auf die Welt gelegt.
Tick. Ein. Tick. Zwei. Tick. Aus.
Er hatte immer gedacht, Stille sei das Fehlen von Klang. Hier lernte er, dass sie eine eigene Farbe hatte, dunkel und warm wie das Holz des Instruments, und dass man sie nur hören konnte, wenn jemand sie mit Absicht herstellte.
Dann spielte sie etwas, das er nicht kannte, eine langsame Melodie, die an manchen Stellen fast zum Stillstand kam. Zwischen den Tönen ließ sie Pausen, und in diesen Pausen hörte er alles: das Ticken, ihren Atem, das Knistern ihres Kleides, den Klang seiner eigenen Haut, wenn er schluckte. Irgendwann legte sie den Bogen ab, kam zu ihm herüber und kniete sich neben seinen Kopf.
„Hör zu", sagte sie. „Ich berühre dich jetzt im Takt. Nicht mehr, nicht weniger."
Ihr Daumen fand seine Schläfe, strich einmal, tick, setzte ab, strich wieder, tick. Ein Finger an seinem Kiefer, eine Handfläche kurz auf seinem Brustbein, immer genau auf den Schlag. Er merkte, wie sein Körper begann, auf diese Berührungen zu warten, und wie das Warten selbst zu einem Teil der Musik wurde. Das Metronom verschwand irgendwann aus seinem Bewusstsein und wurde zu einem Atem im Raum.
„Fünfundsechzig", flüsterte sie. „Du bist gleich da."
„Ich habe noch nie so viel gehört", sagte er und wusste, dass seine Stimme anders klang.
„Das ist der Sinn der Übung."
„Und wenn ich jetzt aus dem Takt falle?"
„Dann spielen wir ihn neu." Sie hielt das Pendel an, und die plötzliche Stille war so voll, dass er den Atem anhielt. „Sieh mich an."
Er öffnete die Augen. Sie lächelte, ihre Wangen waren leicht gerötet, eine Haarsträhne hatte sich aus der Spange gelöst. Das war eine Musik, die man nicht aufnehmen konnte.
„Ich glaube", sagte Fabian, „ich muss meine Mikrofone neu aufstellen."
„Später." Sie beugte sich herunter, und das Letzte, was er hörte, bevor die Welt sich in Wärme auflöste, war das leise Nachschwingen der Cellosaite.