Sinnesspiele

Eiswürfel und Teetasse

„Heiß oder kalt?", fragte Gregor.

Tessa saß auf dem Küchenstuhl, die Augen mit einem Geschirrtuch verbunden, das er dreifach gefaltet hatte, weil ihm die Seidenbinde „zu dramatisch" vorgekommen war. Sie fand das Geschirrtuch rührend. Es roch nach Zitronenspülmittel.

„Das ist keine Frage, die man mir stellt, wenn ich noch nichts gespürt habe."

„Dann nehme ich beides." Er stellte etwas Klirrendes auf den Tisch. „Spielregeln: Du sagst mir bei jeder Berührung, was du denkst. Ehrlich, auch wenn es peinlich ist. Und wenn du abbrechen willst …"

„Zitronentarte."

„Zitronentarte", bestätigte er ernst. „Wir sind Profis."

Sie waren vierzig und zweiundvierzig, sie Lektorin, er Koch, und sie hatten sich vor drei Monaten bei einem Buchprojekt über Gewürze kennengelernt. Seitdem kochte er für sie, und seit einer Woche kochte er mit ihr, wenn man das so nennen wollte. Heute stand nichts auf dem Herd.

Das Erste, was sie spürte, war Wärme: eine Teetasse, die er ihr in beide Hände schob, Kamille mit einem Hauch Ingwer. „Nur halten", sagte er. „Fühlen, wie es durch das Porzellan kommt."

„Ich fühle mich wie eine Katze im Sonnenfleck."

„Gut. Schnurr ruhig."

Dann nahm er ihr die Tasse ab, und sie hörte, wie in einem Glas Eis aneinanderklirrte. Ein Würfel berührte ihren Nacken, und sie sog die Luft ein.

„Das ist gemein."

„Das ist ein Gespräch." Er ließ den Würfel eine Spur über ihre Schulter ziehen, langsam, und wo er schmolz, lief ein dünner Faden Wasser ihren Rücken hinab. „Und?"

„Ich glaube, mein Rücken hat gerade eine eigene Meinung."

„Welche?"

„Dass er mehr davon will, und dass ich das nicht laut sagen sollte."

„Du sollst es aber."


Er wechselte. Der warme Atem an der Stelle, wo eben noch das Eis gewesen war, machte es nur schlimmer. Sie hörte ihn lächeln, ohne ihn zu sehen. Dann wieder die Tasse, diesmal gegen ihr Handgelenk, dann ein Eiswürfel in der Ellenbeuge, ein kurzer, scharfer Schreck und danach ein Glühen, das sich ausbreitete wie Rotwein auf einem Tischtuch.

Irgendwo im Haus tickte die Heizung, und draußen fuhr ein später Bus vorbei, doch beides drang nur gedämpft zu ihr durch, als stünde sie unter einer Glasglocke, in der es nur noch Wärme, Kälte und seine ruhige Stimme gab.

„Du bist sehr still", sagte er nach einer Weile.

„Ich konzentriere mich."

„Auf was?"

„Auf dich. Auf das, was du als Nächstes tust. Ich glaube, ich habe noch nie so genau auf irgendetwas gewartet."

Er hielt inne. Sie hörte, wie er das Glas abstellte. Dann berührten seine Lippen, warm von Tee, kurz ihre Schläfe, und es war die zärtlichste Stelle des ganzen Abends.

„Ich wollte nur wissen", sagte er leise, „ob du dich traust, dich einfach zu ergeben, ohne zu wissen, was kommt."

„Und?"

„Das war meine Frage. Deine Antwort liegt gerade an meiner Schulter."

Sie hatte sich gegen ihn gelehnt, ohne es zu merken. Er nahm ihr das Geschirrtuch ab, und sie blinzelte in das Küchenlicht, in sein ernstes, leicht gerötetes Gesicht.

„Das Wasser läuft mir in den Kragen", sagte sie.

„Das ist der Beweis, dass es funktioniert hat."

„Gregor?"

„Ja?"

„Koch mir was Warmes. Aber nimm mich vorher noch einmal in den Arm."

Er tat beides, in dieser Reihenfolge, und die Suppe wurde an diesem Abend erst sehr spät fertig.

◆
MS
Mira Sommer

Erzählt von Vertrauen, Geduld und dem Moment, in dem aus Neugier Hingabe wird. Warm, genau und mit Sinn für Details.

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