Das Halsband im Handgepäck
Es gibt Momente, in denen man sich wünscht, die Welt möge sich auftun und einen gnädig verschlucken. Für Sven kam dieser Moment am Montagmorgen um 6:47 Uhr am Sicherheitscheck.
„Ist das Ihr Rucksack?", fragte der Beamte freundlich.
„Ja", sagte Sven, noch ahnungslos.
Der Beamte hob ein schwarzes Lederhalsband mit einer silbernen Schnalle in die Luft, so selbstverständlich, als präsentiere er einen Gebrauchtwagen. Dahinter, in der Wanne, lagen eine Augenbinde, ein Paar Handschellen mit Plüsch und ein Zettel in Mias großer Schrift: Nicht verlieren! Wir brauchen alles in Lissabon!
Hinter ihm räusperte sich eine ältere Dame. Ihr Mann hüstelte sehr interessiert in seinen Schal.
„Das ist ... nicht, was Sie denken", sagte Sven.
„Ich denke gar nichts", sagte der Beamte, „ich frage nur, ob das Plüsch-Dings eine Batterie hat."
„Nein. Das heißt ja. Das heißt, es ist ein ... Spiel. Für Erwachsene. Freiwillig." Er merkte, wie jedes seiner Worte ihn tiefer hineinzog. „Meine Freundin hat den Rucksack gepackt."
„Ah." Der Beamte nickte langsam. „Dann sage ich Ihnen was, junger Mann. Das darf alles mit. Aber eine Empfehlung: Beim nächsten Mal packt jeder seinen eigenen Rucksack."
Mia, die zwei Meter weiter an der Schleuse stand und mit rosa Ohren in ihr Handy starrte, begann haltlos zu zittern vor unterdrücktem Lachen.
In der Wartehalle fiel dann alles von ihm ab. „Ich hasse dich", sagte er.
„Nein, tust du nicht." Sie lehnte sich an seine Schulter. „Aber ich verspreche dir: Wenn wir in Lissabon sind, bekommst du alles zurück, was du heute durchgestanden hast."
„Wirklich?"
„Mit Zinsen." Sie küsste ihn auf die Wange. „Und diesmal packst du selbst."
Als das Boarding aufgerufen wurde, nickte ihm die ältere Dame im Vorbeigehen zu, mit dem warmen Lächeln einer Frau, die schon einiges gesehen hat, und flüsterte: „Viel Spaß, ihr zwei."
Sven vergrub das Gesicht in den Händen und musste, ob er wollte oder nicht, lachen.