Donner über dem Dach
Das Gewitter hatte sich den ganzen Nachmittag angekündigt. Zuerst als Druck hinter den Schläfen, dann als gelbliches Licht über den Dächern, und nun, kurz nach neun, hing der Himmel so tief über dem Haus, dass Mara glaubte, ihn greifen zu können, wenn sie das Fenster öffnete. Sie ließ es geschlossen. Stattdessen zündete sie die Kerzen an, eine nach der anderen, bis das Schlafzimmer in einem weichen, atmenden Gold lag.
Tobias saß auf der Bettkante und sah ihr dabei zu. Er war achtundzwanzig, unterrichtete Musik und Geschichte in der Erwachsenenbildung und beruhigte jeden Kurs mit einem einzigen Lächeln. Hier, in Maras Wohnung, wurde er jedes Mal leiser, sobald sie die Tür hinter ihm schloss. Sie selbst war dreiunddreißig und arbeitete als Restauratorin; ihre Hände wussten, wie man mit zerbrechlichen Dingen umging. Vielleicht vertraute er ihr deshalb.
„Sag mir noch einmal, was wir besprochen haben“, sagte sie und blieb vor ihm stehen. „In deinen Worten.“
Er räusperte sich. „Augenbinde. Kerzenwachs, aber nur das weiche, auf den Unterarm. Ein Eiswürfel. Eine Feder. Keine Fesseln heute.“ Er sah zu ihr auf. „Und wenn ich ‚Regenschirm‘ sage, hörst du sofort auf.“
„Sofort“, bestätigte sie. „Und wenn ich dich frage, ob du bei mir bist?“
„Dann sage ich Ja oder Nein – und beides ist richtig.“
„Gut.“ Sie strich ihm eine Strähne aus der Stirn. „Dann leg dich hin.“
Er legte sich auf den Rücken, die Arme neben dem Körper, und Mara nahm das schwarze Seidentuch vom Nachttisch. Sie ließ es einmal durch die Finger gleiten, damit er das leise Rascheln hörte, bevor sie es ihm über die Augen legte. Der Knoten saß fest genug, um nicht zu verrutschen, und locker genug, um nicht zu drücken. Sie prüfte es mit zwei Fingern unter dem Stoff. „Zu eng?“
„Nein.“ Seine Stimme klang schon anders. Tiefer, ein wenig entfernt.
Draußen grollte es, noch weit weg, wie ein Möbelstück, das in einem anderen Stockwerk verrückt wird. Mara setzte sich neben ihn aufs Bett und wartete, bis sein Atem ruhiger wurde. Sie hatte gelernt, dass dieses Warten die halbe Kunst war. Man durfte nichts überstürzen. Man musste dem anderen Zeit geben, aus dem Tag herauszutreten.
„Du musst heute nichts tun“, sagte sie leise. „Nur hören. Nur spüren. Alles andere übernehme ich.“
Die Feder war lang und dunkelgrau, ein Fund aus einem Antiquitätenladen. Mara fuhr damit zuerst nur durch die Luft, eine Handbreit über seiner Haut, und sah, wie sich die feinen Härchen auf seinem Arm aufstellten, noch bevor sie ihn berührte. Dann setzte sie die Feder aufs Schlüsselbein und zog sie langsam zum Hals hinauf, über die Kante des Kiefers, hinter das Ohr. Tobias schluckte. Seine Finger krallten sich ins Laken und öffneten sich wieder, als müsse er sich erinnern, dass er nichts festhalten musste.
Der erste laute Donnerschlag kam unvermittelt, trocken und hart, und das Haus schien einen Atemzug lang zu zittern. Tobias zuckte zusammen. Mara legte ihm die flache Hand auf die Brust, spürte das Hämmern darunter und blieb einfach dort, ruhig und warm, bis es nachließ. „Nur der Himmel“, sagte sie. „Er hat nichts mit uns zu tun.“
„Er klingt aber, als hätte er etwas gegen uns.“ Unter dem schwarzen Tuch erschien ein schiefes Lächeln.
„Dann soll er zusehen und neidisch sein.“
Sie holte den Eiswürfel aus der kleinen Schale, die sie bereitgestellt hatte, und hielt ihn erst in ihrer eigenen Handfläche, damit er das leise Knistern des Eises hörte. Dann setzte sie ihn an seinen Bauch, knapp unter den Rippen. Tobias sog scharf die Luft ein. Der Würfel zog eine glänzende Spur über seine Haut, glitt zur Seite, ließ Kälte und Gänsehaut zurück, und Mara folgte ihm mit den Lippen, ganz leicht, sodass die Wärme ihres Atems auf das Kühle traf. Er gab einen Laut von sich, halb Lachen, halb Seufzen.
Danach nahm sie die weiße Kerze. Sie hatte sie mit Bedacht ausgesucht: ein weiches Wachs, das schon bei niedriger Hitze schmolz und kaum heißer wurde als ein Bad nach einem langen Tag. Trotzdem hielt sie sich an ihre Regel. Der erste Tropfen fiel auf ihr eigenes Handgelenk. Sie wartete und nickte zufrieden. Warm. Nicht mehr.
„Jetzt etwas Warmes“, sagte sie. „Auf deinem linken Unterarm. Ich zähle bis drei. Bist du bei mir?“
„Ja.“
„Eins.“ Sie hielt die Kerze hoch über seine Haut. „Zwei.“ Draußen rollte der Donner näher. „Drei.“
Der Tropfen fiel. Tobias spannte sich für einen Herzschlag an, dann öffnete sich sein Mund, und er atmete aus, lang und tief, und sein ganzer Körper sank ein Stück tiefer in die Matratze. Das Wachs erstarrte zu einem weißen Fleck.
„Noch zwei?“, fragte sie.
„Ja. Bitte.“
Sie gab ihm noch zwei, eine kleine Kette auf der Haut, und zwischen den Tropfen die Feder, dann wieder das Eis, ohne Muster, ohne Vorwarnung, sodass er nie wusste, was als Nächstes kam. Er hatte aufgehört, es erraten zu wollen. Sie sah es an seinem Gesicht: Die Stirn war glatt geworden, der Mund weich, der Kiefer gelöst. Der Mann, der sonst jede Stunde plante, war einfach nur da.
Der Regen setzte ein, erst vereinzelt, dann als rauschende Wand, die gegen das Fenster schlug. Ein Blitz zuckte durch die Vorhänge und mischte sich mit dem Kerzenschein, und in diesem unruhigen Licht beugte Mara sich über ihn, bis ihre Stirn fast die seine berührte. „Du machst das wunderbar“, flüsterte sie. „Bist du noch bei mir?“
„Ja“, sagte er, und seine Stimme brach ein wenig. „Mara …“
„Ich weiß.“ Sie küsste ihn, lange und langsam, und was danach folgte, gehörte nur den beiden und den Kerzen. Es war Hitze und Stille und ein Zittern, das durch ihn hindurchging wie der Donner durch die Mauern, bis er den Kopf zurücklegte und ihren Namen sagte, als wäre er das einzige Wort, das er noch kannte.
Später, als das Gewitter weitergezogen war und nur noch ein gleichmäßiges Rauschen vom Dach kam, nahm sie ihm die Augenbinde ab. Tobias blinzelte gegen das Kerzenlicht und lachte leise, ein bisschen verlegen, ein bisschen benommen. Mara hatte die dicke Wolldecke schon bereitgelegt. Sie wickelte ihn darin ein, bis nur noch sein Gesicht und eine Hand herausschauten, und zog ihn an sich, den Rücken gegen ihre Brust.
„Wie geht es dir?“, fragte sie. „Wirklich.“
„Weit weg“, sagte er. „Aber gut weit weg. Als hätte jemand das ganze Geräusch in meinem Kopf ausgeschaltet.“
„Das ist der Sinn der Sache.“ Sie küsste seine Schläfe. „Bleib liegen. Ich bin gleich zurück.“
In der Küche setzte sie Wasser auf und gab Kamille und ein paar Scheiben Ingwer in die große Kanne, die er so mochte. Aus dem Schlafzimmer kam kein Laut; nur der Regen sprach noch. Als sie mit zwei Tassen zurückkehrte, hatte er sich aufgesetzt, die Decke wie einen Mantel um die Schultern, und sah sie mit diesem offenen, weichen Blick an, den seine Kursteilnehmer nie zu sehen bekamen.
Sie reichte ihm den Tee und legte seine Hände um die Tasse; sie zitterten noch ein wenig. Er trank in kleinen Schlucken. Mara löste das trockene Wachs von seinem Unterarm, Stück für Stück, wie man eine Briefmarke ablöst, und prüfte die Haut darunter. Sie war nur leicht gerötet, kaum mehr als nach einem Sonnenbad. Sie küsste die Stelle.
„Danke“, sagte er.
„Wofür?“
„Dass du aufpasst. Auch wenn ich gerade nicht kann.“
„Das ist der Handel“, sagte sie. „Du gibst ab, ich halte fest.“
Er lehnte den Kopf an ihre Schulter. Draußen ließ der Regen nach und ging in ein sanftes Tropfen über. Als Tobias’ Atem schwer und gleichmäßig wurde, bettete Mara ihn behutsam auf das Kissen, blies die Kerzen aus, eine nach der anderen, und legte sich zu ihm. Im Dunkeln hörte sie noch den Regen, und sie hörte ihn atmen, und mehr brauchte keiner von ihnen.