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Der Schlüssel am Hals

6. Oktober 2026 · 5 Min. Lesezeit

Der Samstag beginnt, wie Matthias ihn mag: mit Carlas kühlen Fingern in seinem Nacken, noch bevor er richtig wach ist.

„Guten Morgen“, sagt sie und lächelt, als wüsste sie etwas, das er nicht weiß. Dabei weiß er es sehr genau. Das leise Metall zwischen seinen Beinen erinnert ihn daran, bei jeder Bewegung, bei jedem Atemzug. Seit neun Tagen trägt er den Käfig aus mattem Stahl, den sie gemeinsam ausgesucht haben, an einem Abend voller langer Gespräche – über Grenzen, über Wünsche, über das Wort „Zitrone“, das alles anhält, sofort und ohne Nachfragen. Er hat es noch nie gebraucht. Dass es da ist, genügt, damit er sich fallen lassen kann.

Der Schlüssel hängt an einer feinen Silberkette um Carlas Hals. Heute Morgen hat sie ihn unter den Kragen ihrer cremefarbenen Bluse gleiten lassen, mit einem Blick, der länger dauerte als nötig.

„Ich habe Pläne“, sagt sie, während sie sich die Haare hochsteckt. „Einkaufen. Kaffee. Ein bisschen Stadt. Und du kommst mit.“

„Natürlich“, sagt Matthias. Seine Stimme klingt rauer, als er wollte.

Die Fußgängerzone ist voll von Samstagsvolk, Einkaufstüten, Kinderwagen und einem Straßenmusiker, der unermüdlich sein Akkordeon quält. Matthias ist einundvierzig, Architekt, er leitet Besprechungen mit zwölf Leuten, ohne ins Schwitzen zu geraten. Jetzt wird ihm der Kragen eng, weil Carla, neununddreißig und vollkommen gelassen, sich bei ihm einhängt und im Gehen ihre Hüfte an seine lehnt. Bei jedem Schritt spannt der Stoff seiner Hose, und bei jedem Schritt meldet sich der Stahl.

In der Boutique an der Ecke zieht Carla ein dunkelblaues Hemd von der Stange und hält es ihm an die Brust. „Das steht dir. Probier es an.“

Die Umkleide ist ein enger Raum mit Vorhang und einem Spiegel, der ein bisschen zu ehrlich ist. Matthias knöpft gerade das Hemd zu, als der Vorhang sich einen Spalt öffnet und Carla hereinschlüpft, als sei es das Natürlichste der Welt. Sie zieht den Vorhang hinter sich zu. Im Spiegel sieht er sie hinter sich stehen, so nah, dass er ihr Parfum riecht, Bergamotte und darunter etwas Wärmeres.

„Sieh mich an“, flüstert sie, und er sieht sie im Spiegel an. Sie zieht die Silberkette ein winziges Stück aus ihrem Ausschnitt, gerade so weit, dass der Schlüssel im Licht aufblitzt, und lässt ihn wieder verschwinden. Matthias holt hörbar Luft.

„Wie fühlt es sich an?“

„Eng“, sagt er. „Ich … denke an nichts anderes.“

„Gut.“ Ihre Hand liegt flach auf seiner Brust, ruhig, besitzergreifend. Dann wird ihr Blick weicher. „Alles in Ordnung? Sag es mir richtig.“

„Ja“, sagt er, und es ist das ehrlichste Ja des Tages. „Alles in Ordnung. Mehr als das.“

„Dann nehmen wir das Hemd.“ Sie küsst ihn flüchtig auf den Mundwinkel und verschwindet durch den Vorhang. Er braucht eine volle Minute, bis sein Gesicht wieder eine Farbe hat, die man einer Verkäuferin zumuten kann.

Im Café am Brunnen sitzen sie nebeneinander auf der Bank unter der Markise, vor sich zwei Tassen und ein Stück Mohnkuchen mit zwei Gabeln. Carla bestellt für beide, ohne ihn zu fragen, und Matthias merkt, wie sehr ihm das gefällt. Als die Kellnerin gegangen ist, schiebt Carla unter dem Tischrand ihren Schuh an seinen Knöchel und lässt ihn dort, ganz ruhig, während sie mit der freien Hand in ihrem Milchkaffee rührt.

„Was zählst du gerade?“, fragt sie, ohne ihn anzusehen.

„Woher …“

„Du bewegst die Lippen, wenn du zählst. Das hast du schon immer getan.“

„Die Stunden“, gesteht er. „Bis heute Abend.“

„Es sind noch sieben.“ Sie lächelt in ihre Tasse. „Und ich habe nicht gesagt, dass es heute Abend ist.“

Er sieht sie an. Sie hält seinen Blick, einen Herzschlag, zwei, dann lacht sie leise und warm und streicht ihm mit dem Daumen über den Handrücken, dort, wo jeder es sehen kann und niemand etwas dabei finden würde. Er könnte jetzt „Zitrone“ sagen. Die Möglichkeit liegt da wie ein Glas Wasser auf dem Tisch, klar und erreichbar, und gerade deshalb hat er keinen Durst danach.

Auf dem Heimweg trägt er alle Tüten. Carla geht zwei Schritte vor ihm. Unter ihrem Blusenkragen verbirgt sich die Kette, und er könnte mit geschlossenen Augen zeigen, wo genau sie hängt. Ihm wird klar, dass er ihr überallhin folgen würde.


Als sie nach Hause kommen, regnet es. Carla zündet Kerzen an und lässt das Deckenlicht aus. Matthias muss im Flur warten, bis sie ruft, und die Minuten dehnen sich, bis er das Ticken der Wohnzimmeruhr in den Ohren hat. Dann hört er ihre Stimme, tief und freundlich: „Komm.“

Sie sitzt auf der Bettkante, barfuß, die Bluse am Kragen geöffnet, die Kette zwischen den Fingern. Es riecht nach Wachs und nach Regen, der durch das gekippte Fenster hereinweht. Matthias geht auf sie zu und kniet sich vor sie, ohne dass sie es verlangt hätte. Der Boden ist kühl unter seinen Knien. Carla legt zwei Finger unter sein Kinn und hebt es an.

„Neun Tage“, sagt sie. „Hast du dich gut gehalten?“

„Ich habe es versucht.“

„Das habe ich gesehen. Jede Minute davon.“ Sie streift die Kette über den Kopf. Der Schlüssel liegt in ihrer Handfläche, klein und unscheinbar, und sie lässt ihn ein wenig baumeln. „Das Wort?“

„Zitrone.“

„Und du willst das hier? Ganz sicher?“

„Ja“, sagt er. „Ja, Carla. Ich will es.“

Das Schloss gibt mit einem leisen Klicken nach. Es ist nur ein winziges Geräusch, doch in der Stille klingt es wie eine Tür, die sich öffnet. Matthias schließt die Augen und atmet aus, lang und zitternd, als hätte er den Atem seit neun Tagen angehalten. Er hört, wie der Stahl auf den Nachttisch gelegt wird, hört das Rascheln von Seide, und dann liegt etwas Kühles, Glattes über seinen Augen, und Carlas Lippen sind ganz nah an seinem Ohr.

„Du fasst nichts an“, flüstert sie, „bis ich es dir erlaube.“

„Ja“, sagt er.

Ihre Fingerspitzen wandern über seinen Hals, über seine Schulter, langsam, als hätte sie alle Zeit der Welt. Draußen fällt der Regen gleichmäßig auf das Dach. Es sind noch viele Stunden bis zum Morgen, und Carla hat, wie sie ihm lächelnd ins Ohr verrät, keineswegs vor, sie ihm zu verkürzen.

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