Büro & Macht

Zwei Zimmer, eine Wand

Die Rezeptionistin des Hotels hatte „Doppelbelegung vermieden, aber leider nur noch Nachbarzimmer" gesagt, und Carsten hatte sich gefragt, ob sie ihm dabei kurz in die Augen gesehen hatte, oder ob er sich das nur einbildete.

Er war achtundvierzig, Vertriebsleiter, seit drei Tagen auf einer Messe in Leipzig, und neben ihm im Foyer stand Yasmin, seine Kollegin aus dem Einkauf, siebenunddreißig, mit dem Rollkoffer in der einen Hand und der Zimmerkarte in der anderen.

„Zimmer 214 und 216", sagte sie. „Nachbarn."

„Ich werde leise sein."

„Das beruhigt mich nicht im Geringsten." Sie ging voraus. „Gute Nacht, Carsten."

Er lag eine Stunde später wach und hörte durch die Wand, wie sie ihre Schuhe auszog. Dann das Rauschen der Dusche, dann Stille, dann das Klicken eines Laptops. Sie arbeitete noch. Er auch, seine Mails wollten nicht aufhören. Um halb zwölf klopfte es zweimal gegen die Wand, trocken, wie bei einem Morsezeichen.

Er klopfte zurück, einmal.

Die Antwort kam als Nachricht aufs Handy: Ich kann nicht schlafen. Das Bett ist zu groß.

Er tippte: Meins auch.

Das ist ein Problem, das sich nicht per Telefon lösen lässt.

Wir könnten es besprechen.

Auf dem Flur?

Im Foyer. Es gibt noch Wein.


Im Aufzug nach unten sprachen sie kein Wort. Sie sahen beide auf die Etagenanzeige, als hinge von ihr das Schicksal der Messe ab, und Carsten bemerkte, dass sie ihre Zimmerkarte in der Hand drehte wie eine Münze, die noch nicht entschieden hatte, auf welche Seite sie fallen wollte.

Die Hotelbar war schon halb abgeräumt, aber der Barkeeper stellte ihnen mit müdem Wohlwollen eine Flasche Riesling und zwei Gläser hin und verschwand hinter dem Tresen. Yasmin hatte den Blazer abgelegt und die Haare hochgesteckt, und Carsten dachte, dass sie in zwei Jahren Zusammenarbeit nie so ausgesehen hatte, als gehörte ihr der Raum.

„Ich muss dir etwas gestehen", sagte sie.

„Bitte."

„Ich habe den Zimmerplan gesehen, bevor die Rezeption ihn geändert hat. Wir waren ursprünglich in verschiedenen Stockwerken."

„Du hast …"

„Ich habe darum gebeten, dass man uns nebeneinander legt. Ich wollte herausfinden, ob du klopfst."

Er sah sie an, und seine Mundwinkel zuckten. „Das ist hinterlistig."

„Ich bin im Einkauf. Wir verhandeln für eine Lebensgrundlage." Sie hob ihr Glas. „Mir ist eines wichtig. Ich möchte, dass wir das ganz bewusst tun, nicht aus Versehen, nicht aus Wein. Wir sprechen darüber, was wir wollen und was nicht. Wenn einer von uns morgen früh sagt, es war ein Fehler, gibt es keine Peinlichkeit. Wir sitzen im Meeting nebeneinander wie vorher."

„Und wenn keiner sagt, dass es ein Fehler war?"

„Dann", sagte Yasmin und schenkte ihm nach, „haben wir noch eine Nacht in Leipzig. Und das Bett in 214 ist wirklich zu groß."

Er hob sein Glas. „Auf kluge Verhandlungen."

„Auf eine Wand", sagte sie, „die dünner ist, als man denkt."

Sie tranken aus, nicht hastig, und gingen gemeinsam zum Aufzug. Im dritten Stock blieb Yasmin vor ihrer Tür stehen, zog die Karte und hielt sie ihm hin, ohne ein Wort. Er nahm sie. Die Tür schloss sich hinter ihnen mit dem leisen Seufzer, den teure Hotels für solche Momente erfinden.

Am nächsten Morgen saßen sie beim Frühstück an getrennten Tischen, und der Vorstand aus Köln fragte sich den ganzen Vormittag, warum Vertrieb und Einkauf so bemerkenswert gut gelaunt waren.

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JW
Jule Wagner

Findet das Komische im Knisternden. Ihre Geschichten haben Herz, Humor und fast immer ein bisschen Chaos.

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