Der rote Ordner
Um einundzwanzig Uhr war im Verwaltungsgebäude nur noch das Surren der Kopierer zu hören. Ole saß an seinem Schreibtisch und starrte auf eine Tabelle, die sich seit zwei Stunden weigerte, aufzugehen, als die Tür zum Eckbüro aufging.
„Herr Brandt", sagte Judith. „Bringen Sie den roten Ordner mit."
Er nahm ihn, und sein Herz machte einen kleinen, blöden Sprung. Er war vierunddreißig, ein ordentlicher Mensch mit ordentlichen Hemden, und er hatte seit Wochen den Verdacht, dass seine Chefin ihn nicht nur für seine Excel-Kenntnisse schätzte. Sie war fünfundvierzig, trug Blazer wie Rüstungen und hatte ein Lächeln, das sie sparsam einsetzte wie ein Budget.
„Schließen Sie die Tür."
Er schloss sie, leiser als nötig. Sie saß hinter dem Schreibtisch, die Brille in die Haare geschoben, und auf der Glasplatte vor ihr lag nur ein einziger Gegenstand: ein Füller.
„Ich muss Ihnen etwas sagen", begann sie, „und ich möchte, dass Sie mir zuhören, bevor Sie antworten."
„Ich höre."
„Ich bin Ihre Vorgesetzte. Das ist ein Problem, wenn ich Sie zum Abendessen einladen möchte."
Ole blinzelte. „Sie möchten mich zum Abendessen einladen?"
„Ich habe es gerade gesagt, das wird protokolliert." Sie klopfte mit dem Füller auf die Platte. „Nichts davon ist eine Anweisung. Wenn Sie Nein sagen, ändert sich an Ihrer Beurteilung nichts, und ich lasse Sie das schriftlich haben. Ich bin nur eine Frau, die seit sechs Monaten jeden Dienstag feststellt, dass sie sich auf Ihre Besprechungen freut, und das ist für Controllerinnen eine alarmierende Entwicklung."
Er musste lachen. Er konnte nicht anders. „Darf ich etwas sagen?"
„Bitte."
„Ich habe mir letzte Woche eine Krawatte gekauft, nur weil sie dieselbe Farbe hat wie Ihre Lesebrille."
Sie schwieg einen Moment. Dann stand sie auf, kam um den Schreibtisch herum und blieb vor ihm stehen, näher, als man es unter Kollegen tat. „Den roten Ordner", sagte sie, „habe ich übrigens nur als Vorwand angefordert."
„Was ist da drin?"
„Nichts. Leere Blätter. Ich wollte Sie hier haben."
„Das ist … Frau Lindner, das ist Missbrauch von Betriebsmitteln."
„Ich weiß. Ich habe sechs Disziplinarverfahren gegen mich selbst eingeleitet." Sie lächelte, und es war eines der seltenen, die ihre Augen mitnahm. „Wenn Sie wollen, gilt das Büro ab sofort als Verhandlungsraum. Wir verhandeln, wie das hier aussehen kann. Absprachen, Grenzen. Was Sie wollen, was ich will, was im Büro bleibt und was draußen stattfindet."
„Und wer führt?"
„Das", sagte sie und nahm ihm den Ordner aus der Hand, „klären wir beim Essen. Ich denke, wir beide wissen es schon."
Sie legte den roten Ordner auf den Tisch, zwischen den Füller und die ausgeschaltete Lampe, und strich ihm mit zwei Fingern die Krawatte glatt. „Eine hübsche Farbe."
„Danke."
„Sagen Sie Judith."
„Judith." Es klang auf seiner Zunge wie ein Geheimnis. „Und das Dinner?"
„Reservierung für zwanzig nach neun. Wir sind zu spät. Das ist das erste und letzte Mal."
Er hielt ihr die Tür auf. Auf dem Flur flackerte das Licht, und im Fahrstuhl standen sie so nah beieinander, dass der Spiegel an der Wand ein Bild zeigte, das keiner von ihnen so schnell vergessen würde: zwei Menschen mit ernster Miene und roten Ohren.