Vernissage mit leiser Hand
Die Ausstellung hieß „Stillleben mit Unruhe", und Albrecht fand, dass der Titel perfekt zu ihm passte.
Er stand im Eingang der Galerie, Tablett in der Hand, den dunklen Anzug glattgestrichen, und zählte die Gäste. Hundertzwanzig waren angekündigt. Isolde Brandenburg, Inhaberin, Mitte fünfzig, silbergraues Haar zu einem strengen Knoten gesteckt, begrüßte jeden einzelnen, als gehörte ihr nicht nur der Raum, sondern auch die Luft darin.
Sie kam an ihm vorbei und blieb stehen, ohne ihn anzusehen. „Dein Krawattenknoten", sagte sie zum Gemälde neben ihm, „sitzt einen Fingerbreit zu links."
„Verzeihung."
„Nicht korrigieren." Jetzt sah sie ihn doch an, kurz, mit diesem Blick, der ihm seit sechs Monaten die Knie weich machte. „Ich möchte, dass du ihn so lässt. Den ganzen Abend. Jedes Mal, wenn du ihn spürst, erinnerst du dich, wem er gehört."
„Der Krawattenknoten?"
„Die Entscheidung darüber." Ein Lächeln, schmal wie ein Messerrücken. „Hol den Sekt für die Dame mit dem Hut."
So begann es. Kleine Aufträge, im Vorbeigehen verteilt, zwischen zwei Sätzen über Farbfeldmalerei. Er solle sich nicht hinsetzen, bevor der Kritiker gegangen sei. Er solle den Künstler dreimal fragen, ob er Wasser wolle, jedes Mal in einem anderen Tonfall, und ihr hinterher berichten, welcher am besten gewirkt habe. Er solle um zehn Uhr zum Hinterzimmer kommen, nicht früher, nicht später, und bis dahin an nichts denken.
„An nichts?", hatte er geflüstert.
„Dann eben nur an mich." Sie hatte sein Revers geglättet, zwei Finger, flüchtig. „Das ist ohnehin das Gleiche."
Der Abend dehnte sich. Albrecht balancierte Gläser und Gespräche und beantwortete Fragen zur Hängung. Alle paar Minuten fiel sein Blick quer durch den Raum, und jedes Mal stand sie irgendwo im Licht, eine Hand am Stiel ihres Glases, im Gespräch mit einem Sammler, und doch, das spürte er, vollkommen bei ihm. Einmal hob sie, ohne den Kopf zu wenden, einen einzigen Finger. Er blieb stehen, wo er war. Das war die Anweisung. Er blieb stehen, bis der Finger sich wieder senkte, und er hätte schwören können, dass sein Herz unterdessen die gesamte Ausstellung abgelaufen war.
Um fünf vor zehn verabschiedete sich der letzte Kritiker. Um zehn Uhr stand Albrecht vor der Tür des Hinterzimmers, mit schiefem Knoten und einer Aufregung, die ihm peinlich gewesen wäre, wenn sie nicht so schön gewesen wäre.
Er klopfte nicht. Sie hatte gesagt: nicht klopfen. Er wartete.
Die Tür öffnete sich. Isolde hatte die Schuhe ausgezogen, was an ihr beinahe unanständiger wirkte als alles andere.
„Du hast ihn nicht gerichtet", sagte sie.
„Du hast es verboten."
„Und du hast den ganzen Abend gehorcht, obwohl dich dreimal jemand darauf angesprochen hat." Sie trat näher, nahm den schiefen Knoten zwischen zwei Finger und zog daran, nur ein wenig, nur so, dass er ihr folgen musste. „Ich habe dich beobachtet. Weißt du, wie schön es ist, jemandem beim Warten zuzusehen?"
„Ich dachte, ich sei dir nur eine Last."
„Du bist mein bestes Stück." Sie sagte es so nüchtern, wie man einen Preis nennt. „Und das Beste an der Kunst ist, dass man sie nach Feierabend allein genießen darf."
Sie öffnete die Tür weiter. Dahinter brannte nur eine Leselampe, und auf dem Sofa lag eine Decke, zwei Gläser standen bereit, ein Teller mit Käse und Feigen.
„Wasser?", fragte sie.
„Ja, Herrin."
„Den Tonfall merke ich mir." Sie lachte, leise, und zog ihn hinein. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss, und die Ausstellung, mit all ihrer Unruhe, blieb draußen im Dunkeln stehen.