Dienen & Hingabe

Annikas Aufgabenbuch

Das Notizbuch war kariert, mit grünem Leineneinband, und lag jeden Abend auf dem Flurtisch, genau da, wo Annika es sehen musste, wenn sie ihre Schlüssel ablegte. Gregor schrieb mit Füllfederhalter. Er schrieb klein, gleichmäßig, eine Handschrift wie ein gut gemachtes Bett.

Heute stand dort:

1. Das Bücherregal im Arbeitszimmer nach Farben ordnen, nicht nach Alphabet. (Ich weiß, dass dir das wehtut.)
2. Das Abendessen um halb acht auf dem Tisch. Deckenlicht aus, Kerzen an.
3. Mir das Gesicht eincremen, bevor ich schlafe. Du weißt, wie.

Annika lachte, als sie es las. Sie war siebenunddreißig, Buchhalterin, die Frau, die in ihrer Firma den Spitznamen das Kassenbuch trug und die niemand je schlampig erlebt hatte. Außer hier.

„Nach Farben", murmelte sie. „Du bist ein Barbar."

„Ich bin dein Barbar", sagte Gregor aus dem Wohnzimmer. Er las, die Brille auf der Nasenspitze, und tat, als beachte er sie nicht.


Sie begann mit dem Regal. Es war die Qual, die er vorhergesagt hatte, Goethe neben einem roten Kochbuch, ein blauer Thriller zwischen zwei gelben Reiseführern, und doch merkte sie nach einer Weile, dass sich etwas in ihr entspannte. Es gab kein Richtig, nur dieses Gefühl, jemandem eine Freude zu machen. Sie trat zurück und betrachtete das Ergebnis. Ein Regenbogen aus Papier.

Es war schön. Sie hätte das nie zugegeben.

Um halb acht stand das Essen auf dem Tisch, Pilzrisotto, Parmesan frisch gerieben, die Kerzen brannten. Gregor kam herein, sah sich um und sagte nichts. Er setzte sich und aß. Sie stand neben dem Stuhl, die Hände gefaltet, eine kleine Verbeugung des Kopfes, die sie nie geübt hatte und die sich trotzdem richtig anfühlte.

„Das Risotto", sagte er nach dem dritten Bissen, „ist ein Gedicht."

„Danke."

„Das Regal, wie ich im Vorbeigehen sah, auch."

„Es hat wehgetan."

„Ich weiß." Er sah sie an, und seine Augen waren warm. „Das ist es, was ich an dir bewundere. Du tust es trotzdem. Und tust es gründlich."

Etwas stieg in ihr auf, eine Hitze von innen, nicht aus Scham, sondern aus der schlichten Freude, gesehen zu werden. Sie senkte den Blick. „Darf ich mich setzen?"

„Natürlich. Teller und Gabel gehören dir auch."


Später, im Bad, cremte sie ihm das Gesicht ein, wie er es verlangt hatte, mit kleinen Kreisen, die Fingerspitzen leicht, die Stirn zuerst, dann die Schläfen, die Wangen. Er hatte die Augen geschlossen. Seine Atemzüge wurden gleichmäßig.

„Hast du gewusst", sagte sie leise, „dass ich in der Mittagspause oft an dieses Buch denke?"

„Ich hatte es gehofft."

„Ich öffne unter dem Tisch das Handy und lese meine Aufgaben vom Vortag. Nur um sie zu fühlen."

„Das ist sehr schön."

„Und morgen?", fragte sie. „Was steht morgen drin?"

Er öffnete ein Auge. „Das wird nicht verraten."

„Ein Hinweis."

„Eine Belohnung. Für das Regal." Er schloss das Auge wieder. „Du darfst dir etwas aussuchen. Eine Sache. Ohne Bedingungen."

Sie überlegte, den Daumen noch an seiner Schläfe. „Dann möchte ich, dass du das Buch einmal umdrehst. Dass ich dir eine Aufgabe aufschreibe."

Gregor lachte, ein tiefes, ehrliches Lachen. „Wie lautet sie?"

„Dass du morgen früh länger im Bett bleibst", sagte sie, „und ich dir das Frühstück bringe. Ausnahmsweise."

„Das", sagte er, „ist die klügste Aufgabe, die ich je bekommen habe."

Sie klappte die Cremedose zu, schloss das Licht im Bad und nahm ihn bei der Hand. Im Flur lag das grüne Notizbuch auf dem Tisch. Sie schlug es auf, nahm den Füller und schrieb in ihrer sauberen Buchhalterschrift unter den heutigen Tag: Erledigt. Mit Freude.

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MS
Mira Sommer

Erzählt von Vertrauen, Geduld und dem Moment, in dem aus Neugier Hingabe wird. Warm, genau und mit Sinn für Details.

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