Maledom

Kurs halten auf der Ostsee

Thorsten Kalle gab seine Kommandos nie laut. Er sagte sie, wie andere Leute „Guten Morgen" sagen, und genau darum hörte man auf ihn. Judith, achtundvierzig, Chirurgin, gewohnt, selbst im OP das letzte Wort zu haben, stand am Vormittag im Cockpit der „Möwenlied" und stellte fest, dass sie zum ersten Mal seit Jahren gern gehorchte.

„Großschot dichter."

Sie holte das Tau ein. Das Segel straffte sich, das Boot legte sich auf die Seite, und das Wasser rauschte am Rumpf entlang.

„Gut so. Halt es genau dort."

Sie hielt. Ihre Handflächen brannten, und sie genoss es.

Am Nachmittag ankerten sie in einer kleinen Bucht vor der dänischen Küste. Kein anderes Boot, nur Möwen und ein schmaler Streifen Strand. Thorsten stellte den Motor ab, und in der plötzlichen Stille hörte man das Wasser gegen den Bug klopfen.

„Setz dich", sagte er und deutete auf die Bank.

Sie setzte sich. Er kniete sich vor sie, nahm ihre Hände und drehte die Handflächen nach oben. Rote Striemen vom Tau. Mit der Daumenkuppe fuhr er behutsam darüber.

„Du hast nicht ein einziges Mal gesagt, dass es wehtut."

„Es tat auch nicht weh. Nicht richtig."

„Doch. Aber du wolltest mir zeigen, dass du es aushältst." Er sah sie an, ruhig und grau wie die See. „Das musst du nicht. Nicht bei mir. Wenn es wehtut, sagst du es, und ich höre es. Das ist die Regel, die über allen anderen steht."

„Ich weiß."

„Sag sie mir."

„Wenn es zu viel ist, sage ich Rot. Wenn ich nur eine Pause brauche, sage ich Gelb."

„Und wenn es genau richtig ist?"

Judith musste lächeln. „Dann sage ich gar nichts und sehe dich an."

„Genau das." Er stand auf, holte aus der Kajüte eine Flasche Salbe und eine Decke und kniete sich wieder hin. Während er ihre Hände behandelte, Finger für Finger, mit einer Geduld, die ihr die Kehle eng machte, sagte er: „Heute Abend wirst du nichts tun, als meinen Anweisungen zu folgen. Du wirst essen, was ich dir gebe. Du wirst schlafen, wann ich es sage. Und du wirst mir morgen früh erzählen, wie sich das angefühlt hat."

„Das klingt nach einem Dienstplan."

„Das ist einer. Du kennst dich damit aus."

Sie lachte, und er lachte mit, kurz, ein tiefes Geräusch, das über das Wasser trug.


Später saß sie in seiner Jacke an Deck, die Füße unter sich, und aß Brot mit Käse, das er ihr in kleinen Stücken reichte. Die Sonne ging in einem langen, rosigen Streifen unter. Es war so still, dass sie ihren eigenen Pulsschlag spürte, gleichmäßig, ruhig. Niemand brauchte sie. Niemand wollte etwas von ihr außer diesem einen Mann, der wollte, dass sie sich fallen ließ.

„Komm her", sagte er.

Sie lehnte sich gegen seine Brust. Seine Hand lag in ihrem Nacken, fest und warm, und sie spürte, wie die Spannung der letzten Wochen aus ihr wich, Zentimeter für Zentimeter, wie Wasser aus einem Segel.

„Du führst gut", murmelte sie.

„Du folgst besser."

Er zog sie in die Decke. Das Boot schaukelte sanft, die Wellen schlugen ihr Wiegenlied, und das Letzte, was Judith an diesem Abend dachte, bevor er sie die Treppe in die Kajüte hinunterführte und die Luke hinter ihnen schloss, war, dass man Kurs auch halten kann, indem man sich einfach tragen lässt.

◆
CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

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