Gelb heißt langsam
„Punkt eins", sagte Vera und klopfte mit dem Stift auf den Block. „Dinge, die ich unbedingt will."
„Du hast einen Block mitgebracht." Thorsten schüttelte den Kopf, aber er lächelte. „Ich habe ein Sofa vorbereitet."
„Das Sofa kommt später. Zuerst die Tagesordnung."
Sie waren beide Anfang fünfzig, sie Architektin, er Tischler, und sie hatten drei Monate lang geschrieben, telefoniert und gegessen, bevor sie das Wort wir wagten. Nun saßen sie in ihrer Küche, zwischen Rotwein und einem Teller Käsewürfel, und schrieben auf, was in ihren Köpfen kreiste wie Möwen.
„Ich will, dass du bestimmst", sagte Vera. Sie spürte, wie die Wangen heiß wurden, und trank rasch. „Zumindest eine Weile. Abends, wenn ich nach Hause komme. Dass jemand sagt, was jetzt geschieht, und ich nicht nachdenken muss."
„Das kann ich." Seine Stimme war tiefer geworden, ruhig, ohne zu drücken. „Und was passiert, wenn es dir zu viel wird?"
„Wir brauchen ein System."
„Ampel?"
„Ampel." Sie schrieb es auf, drei Wörter untereinander. „Grün heißt: weiter. Gelb heißt …"
„Langsam", sagte er.
„Gelb heißt langsam. Ich spüre etwas, was ich nicht einordnen kann. Du fragst nach, machst eine Pause, hörst zu."
„Und Rot?"
„Rot heißt Schluss. Sofort, ohne Diskussion, ohne Verhör. Und danach fragst du nicht, warum."
„Ich frage danach, ob du etwas brauchst." Er legte seine große Hand neben ihre auf den Tisch, ohne sie zu berühren. „Wasser. Eine Decke. Schweigen. Reden. Was immer."
Vera sah auf seine Finger, auf die kleinen weißen Narben, die jahrelange Hobelarbeit hinterlassen hatte. Es waren Hände, die wussten, wie viel Druck ein Holz verträgt, bevor es splittert.
„Was ist mit dir?", fragte sie. „Was willst du?"
„Ich will Verantwortung tragen." Er sagte es langsam, als probiere er jeden Buchstaben. „Ich war zwanzig Jahre verheiratet mit einer Frau, die alles allein entschied, weil ich zu höflich war. Ich möchte lernen, wie es ist, wenn jemand mir sein Vertrauen schenkt. Und es nicht zu zerbrechen."
„Das klingt nicht nach jemandem, der es zerbricht."
„Das sagt jeder. Deshalb schreiben wir es auf."
Sie notierten, was sie nicht wollten. Keine Bilder, keine Fremden im Raum, nichts, das Spuren im Gesicht hinterließe. Sie legten fest, dass jeder Abend mit einem Gespräch endete, bei Tee und warmen Socken, nicht mit einem Schlussstrich. Sie einigten sich auf einen Probeabend, nicht mehr als eine Stunde, mit viel Gelb und wenig Pathos.
Gegen elf legte Vera den Stift hin.
„Das war die seltsamste Verführung meines Lebens", sagte sie.
„Warum?"
„Ich habe noch nie so lange darüber geredet, wie ich berührt werden will. Und noch nie so wenig Angst gehabt."
Thorsten stand auf, schob den Stuhl zurück und sah sie an. Ohne Eile, ohne Spiel, nur mit der Aufmerksamkeit eines Mannes, der einem Blatt Papier den Titel Anfang gab.
„Darf ich dich ins Wohnzimmer bitten?", fragte er.
Es war keine Frage. Es war eine Einladung in der Form einer Frage, und sie hatten beide den Unterschied bemerkt.
„Ja", sagte Vera. „Grün."
Er hielt ihr die Hand hin. Sie nahm sie, und die beiden Gläser blieben allein auf dem Tisch zurück, neben dem Block mit der krakeligen Ampel.