Der Stammtisch im Hinterzimmer
Das Schild an der Tür der Gaststube sagte Reserviert für Stammtisch, und Friederike stand eine ganze Minute davor, bevor sie hineinging. In der Handtasche trug sie keine Peitsche, keinen Knebel und kein Selbstbewusstsein. Nur eine Packung Pfefferminz.
Sie war vierundvierzig, Lektorin, und seit zwei Jahren las sie nachts Dinge, die sie tagsüber nicht ausgesprochen hätte. Ein Forum hatte ihr schließlich einen Namen genannt: Munch. Ein lockeres Treffen, hieß es, ohne Spielen, ohne Zwang, bei Essen und Getränken.
Drinnen saßen zwölf Menschen an einem langen Tisch. Eine Frau in Strickjacke teilte einen Brotkorb aus. Ein Mann mit Vollbart diskutierte erbittert über Fußballergebnisse. Niemand trug Leder. Jemand hatte einen Kinderwagen mitgebracht, in dem ein Hund schlief.
„Du suchst den Munch", sagte ein Mann am Tischende, der aufgestanden war, groß, ruhig, mit einer Brille, die ihm etwas von einem Biologielehrer gab. „Wir sind hier richtig. Ich bin Oskar. Setz dich, wohin du willst. Du musst nichts sagen, nichts erklären und nichts bestellen, außer deinem Getränk."
„Ich dachte, es wäre …" Sie suchte das Wort. „Dramatischer."
„Das denken alle." Er lächelte, und eine Reihe Fältchen legte sich an seine Augen. „Die Dramatik passiert zu Hause. Hier geht es um Kartoffelsalat."
Sie setzte sich neben die Frau mit der Strickjacke, die sich als Bettina vorstellte, Krankenschwester, seit zwanzig Jahren verheiratet und seit fünfzehn in einer „Konstellation", wie sie es nannte, bei der ihr Mann ihr Brötchen schmierte und sie ihm dafür sagte, wann er sprechen durfte.
„Das klingt so alltäglich", sagte Friederike.
„Ist es auch. Das ist das Geheimnis. Alltag mit einem anderen Taktgeber."
Die Gespräche flossen um sie herum, über Urlaub, über einen kaputten Dachstuhl, über die Frage, ob man als Anfänger zuerst reden oder zuerst fühlen sollte. Oskar, der inzwischen mit seinem Bier neben ihr saß, hörte mehr zu, als er sprach.
„Darf ich etwas Peinliches fragen?", sagte sie.
„Das hier ist der Ort für Peinliches."
„Woher weiß man, ob man das wirklich will? Oder nur davon liest?"
Er überlegte, ohne zu zögern oder auszuweichen. „Man weiß es, wenn man es ausprobiert. Klein. Mit jemandem, dem man vertraut. Und man darf feststellen, dass es nichts für einen ist. Auch das ist ein Ergebnis."
„Und wenn doch?"
„Dann", sagte er und stieß mit ihr an, „bist du hier genau richtig, und der Kartoffelsalat ist übrigens fantastisch."
Sie lachte. Zum ersten Mal an diesem Abend spürte sie, wie sich die Schultern senkten, die sie seit Wochen hochgezogen hatte. Niemand fragte nach ihrem Beruf, ihrem Alter oder ihren Vorlieben. Man reichte ihr einen Teller und wartete, bis sie bereit war.
Gegen zehn leerte sich der Tisch. Draußen auf dem Parkplatz hielt Oskar ihr die Autotür auf, nicht mehr, nicht weniger.
„Nächsten Monat wieder, erster Donnerstag", sagte er. „Wenn du willst. Du musst nicht."
„Ich will", sagte Friederike und überraschte sich selbst. „Ich bringe den Nachtisch mit."
„Dann wirst du hier sofort adoptiert."
Sie fuhr heim mit offenem Fenster, den Duft von Zwiebeln und Gelächter noch im Haar, und stellte fest, dass der Satz, den sie so lange gefürchtet hatte, ganz leicht gewesen war. Er hatte nur aus zwei Wörtern bestanden. Ich will.