Die Chefin im Gewächshaus
Verena Brandt leitete eine Firma mit hundertvierzig Angestellten, und der einzige Ort, an dem sie nie telefonierte, war das Gewächshaus von Malte Eschwege. Es lag am Rand der Stadt, hinter einem Zaun voller Brombeeren, und roch nach Tomatenblättern und feuchter Erde. Sie kam jeden Donnerstag, kaufte nichts Nennenswertes und blieb zwei Stunden.
„Sie wissen, dass Basilikum nicht so viel Gesellschaft braucht", sagte Malte an diesem Donnerstag, ohne aufzusehen. Er war Anfang vierzig, groß, langsam in allem, was er tat, und er sprach so leise, dass man sich vorbeugen musste.
„Ich bin nicht wegen des Basilikums hier."
„Nein." Er stellte die Gießkanne ab. „Ich weiß. Darf ich Ihnen etwas sagen, das ich seit Monaten sagen will?"
Sie verschränkte die Arme. Es war ihre Verhandlungshaltung. „Bitte."
„Sie sehen aus wie eine Frau, die vergessen hat, wie es ist, wenn jemand anderes den Plan hat." Er wurde rot bis zum Haaransatz, hielt aber ihren Blick. „Ich würde Ihnen gern einen Abend schenken, an dem Sie nichts entscheiden müssen. Nur einen. Und Sie sagen mir, wenn es zu viel ist."
Verena lachte, kurz und schlecht. Dann hörte sie auf zu lachen, weil er nicht mitlachte.
„Ich führe", sagte sie. „Das ist meine Natur."
„Ich glaube, Ihre Natur hat mehr als einen Raum."
Sie wollte widersprechen. Stattdessen hörte sie sich sagen: „Was müsste ich tun?"
„Heute? Nichts. Das ist der Plan."
Am Samstag stand sie im Flur seines Häuschens, die Handtasche an die Brust gedrückt wie eine Eintrittskarte, die man jederzeit zurückgeben kann.
„Das Handy", sagte Malte freundlich, „bleibt in der Schale."
„Ich habe Rufbereitschaft."
„Dann gebe ich Ihnen eine Stunde. Danach ist die Schale Gesetz."
Sie sah ihn an, diesen ruhigen Mann mit den erdigen Händen, und legte es hinein. Es fühlte sich an, als lege sie einen Zahn ab.
Er führte sie in die Küche. Auf dem Tisch standen Kerzen, Brot, Tomaten aus dem eigenen Gewächshaus, ein Messer mit Holzgriff. „Setzen Sie sich."
„Das ist ungewohnt", sagte sie.
„Ja. Darf ich Ihnen die Schuhe ausziehen?"
Die Frage war so albern, dass sie nickte, bevor sie nachdachte. Er kniete sich hin, löste die Riemen ihrer Pumps, und als seine Daumen kurz über ihre Knöchel strichen, ging ihr ein Schauer den Rücken hinauf, der nichts mit Kälte zu tun hatte.
„Und jetzt", sagte er und stand auf, „essen Sie. Ich füttere Sie, wenn Sie wollen. Sie müssen nur sagen: weiter oder halt."
„Weiter", sagte sie und erschrak, wie dünn ihre Stimme klang.
Er schnitt eine Tomate, bestreute sie mit Salz und hielt ihr die Scheibe an die Lippen. Sie schmeckte nach Sommer, der längst vorbei war. Verena schloss die Augen. Irgendwo in ihrem Kopf tickte eine Liste, Montag, Budget, Personalgespräch, und Scheibe für Scheibe wurde das Ticken leiser.
„Sie atmen anders", sagte Malte.
„Ich weiß nicht, was ich mit meinen Händen machen soll."
„Dann gebe ich ihnen etwas zu tun." Er nahm ihre Hände und legte sie flach auf den Tisch, rechts und links neben den Teller. „Dort bleiben sie. Das ist alles, was heute von Ihnen verlangt wird."
Sie lachte, diesmal ehrlich, überrascht, ein bisschen feucht in den Augen. „Das ist die schwerste Aufgabe, die ich je bekommen habe."
„Dann machen Sie es gut."
Später, als die Kerzen heruntergebrannt waren und das Handy in der Schale längst vergessen blinkte, lehnte sie sich in seinen Arm und sagte in sein Hemd hinein: „Donnerstag?"
„Donnerstag", sagte Malte. „Aber bring Basilikum mit. Ich schulde dir noch ein Pesto."
Er hatte sie zum ersten Mal geduzt. Verena merkte es und beschloss, es ihm durchgehen zu lassen.