Leise Stimme im Antiquariat
Gregor Nauheim kam jeden Dienstag in das Antiquariat von Friederike Lang, und jeden Dienstag fragte er nach einem Buch, das es gar nicht gab. Das war sein Spiel, und sie spielte mit, indem sie so tat, als suche sie.
„Haben Sie vielleicht ‚Die Kunst, ungefragt zu gehorchen'?"
„Ich fürchte, vergriffen", sagte sie und lächelte in ihren Kragen hinein.
Er war einundfünfzig, Notar, mit einer Stimme, die Räume füllte, und er benahm sich in ihrem Laden wie ein Mann, der sich zum ersten Mal in seinem Leben nicht selbstverständlich fühlte. Friederike, vierundvierzig, hatte jahrelang nur geflüstert: im Studium, im Beruf, in Beziehungen. Sie hatte ein Talent dafür, Erwartungen zu erraten und sich ihnen anzupassen, bis sie selbst nicht mehr wusste, was sie wollte.
An diesem Dienstag regnete es, und Gregor war der einzige Kunde. Er blieb länger als sonst vor dem Regal mit den Reiseberichten stehen und sagte, ohne sich umzudrehen: „Darf ich ehrlich sein?"
„Bitte."
„Ich bin es müde, immer derjenige zu sein, der den Satz beginnt."
Friederike stellte das Buch ab, das sie in der Hand hielt. Ihr Herz schlug so laut, dass sie fürchtete, die Kunden von nebenan könnten es hören, obwohl es keine gab.
„Dann beginne ich", sagte sie.
Es war kaum mehr als ein Hauch. Gregor drehte sich um.
„Schließ die Ladentür ab", sagte sie, und diesmal war es kein Hauch. Es war eine Stimme, die irgendwo im Magen ansetzte und sich erstaunt selbst zuhörte. „Und dreh das Schild um."
Er tat es. Das Schloss klickte. Draußen trommelte der Regen.
„Komm her. Nein, langsamer."
Er ging durch den schmalen Gang zwischen den Regalen, und sie sah, wie er jeden Schritt als Geschenk zu behandeln begann. Vor ihr blieb er stehen, größer als sie, und senkte freiwillig den Kopf.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann", flüsterte Friederike.
„Doch", sagte Gregor. „Sag mir, was ich tun soll. Ich verspreche, dass ich es ernst nehme."
Sie dachte an all die Sätze, die sie in ihrem Leben verschluckt hatte, und wählte den kleinsten. „Setz dich auf den Hocker. Dort, bei der Leiter."
Er setzte sich. Seine Hände lagen auf den Knien, wie bei einem Schüler, der auf sein Zeugnis wartet. Friederike nahm ein altes Buch, schlug es irgendwo auf und las ihm vor: einen Satz über Segelschiffe und Sehnsucht, langsam, mit einer Betonung, die ihr selbst neu war. Bei jedem Wort entspannten sich seine Schultern ein Stück mehr.
„Du liest wunderschön", sagte er rau.
„Du sprichst, wenn ich dich frage."
Er lächelte, ganz weich, und schwieg.
Sie las ihm eine halbe Stunde vor. Dann legte sie das Buch fort, trat vor ihn und legte ihm zwei Finger unters Kinn. „Wie war das für dich?"
„Als hätte jemand eine Tür in einem Haus geöffnet, das ich seit Jahren bewohne." Seine Augen waren feucht. „Und für dich?"
Friederike überlegte. Der Regen ließ nach. In ihrem Bauch glühte etwas, das sie nicht kannte und das ihr gehörte.
„Ich glaube", sagte sie, „ich habe heute zum ersten Mal laut gesprochen."
„Und nächsten Dienstag?"
„Frag nach einem Buch", sagte sie und küsste ihn auf die Stirn, „das es wirklich gibt."