Maledom

Im Gewölbe bei vierzehn Grad

Alexander Rohde öffnete die schwere Holztür zum Gewölbe mit dem Respekt eines Mannes, der eine Kirche betritt. Dahinter lag der Keller des Weinguts, das seine Familie seit vier Generationen führte: Backstein, Fässer, Kühle und der Geruch von Eiche und Zeit.

„Vierzehn Grad", sagte er. „Tag und Nacht, Sommer wie Winter. Zieh dir die Jacke an."

Birte, neununddreißig, Sommelière aus Hamburg, die für einen Fachartikel gekommen war und zwei Tage länger blieb, als sie geplant hatte, zog die Jacke an. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal einen Satz ohne Widerrede befolgt hatte.

„Heute probierst du nicht selbst", sagte Alexander. „Heute probiere ich für dich, und du sagst mir, was du schmeckst."

„Das ist umgekehrt wie üblich."

„Genau deshalb." Er zog ein Seidentuch aus der Tasche, dunkelgrün, weich. „Darf ich?"

Sie sah ihn an. Er wartete. Keine Spur von Drängen, nur diese Ruhe, die sie schon am ersten Abend bei der Weinprobe beeindruckt hatte, als er einem aufdringlichen Gast mit einem einzigen Blick Schweigen verordnet hatte.

„Ja", sagte sie.

Das Tuch legte sich über ihre Augen, und die Welt wurde zu Geräuschen: seine Schritte auf dem Stein, das Klirren eines Glases, der leise Zug beim Entkorken.

„Kinn hoch. Mund auf einen Spalt."

Sie gehorchte. Ein Tropfen Wein berührte ihre Zunge. Kühl, Stachelbeere, Kreide, dann etwas Warmes, Nussiges.

„Riesling", flüsterte sie. „Spät gelesen, vielleicht Zweitausendneunzehn?"

„Sehr gut." Seine Stimme war dicht an ihrem Ohr. „Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann."

Es war seltsam: Der Satz tat mehr als jede Berührung.

Er gab ihr weitere Proben, einen Weißburgunder, dann einen Rotwein mit Pflaumenton. Zwischen den Schlucken legte er ihr jedes Mal kurz die Hand an die Wange, als wolle er prüfen, ob sie noch da sei. Sie war da, mit jeder Faser.

„Regel für heute", sagte er. „Du nimmst das Tuch nicht selbst ab. Wenn du es willst, sagst du ‚Licht', und ich nehme es dir ab. Sofort, ohne Fragen."

„Licht", sagte sie testweise.

Das Tuch war augenblicklich fort. Alexander stand vor ihr, besorgt und aufmerksam. „Alles in Ordnung?"

Sie lächelte. „Ich wollte nur wissen, ob du es ernst meinst."

„Ich meine alles ernst, was ich dir verspreche." Er band das Tuch wieder um, zart und sicher. „Bereit?"

„Bereit."

Er führte sie durch das Gewölbe, eine Hand an ihrem Rücken, die andere an ihrem Ellbogen, vorbei an Fässern, deren Holz sie unter den Fingerspitzen spürte. Hinter dem letzten Gang hielt er an und sagte: „Hier stehen die alten Jahrgänge. Dein Geburtsjahr liegt auch dabei."

„Du hast recherchiert."

„Ich war neugierig auf dich."

Er schenkte ihr ein Glas ein. Der Wein war dunkel, gereift, mit einem Hauch von Tabak und Trockenfrüchten. Sie wusste sofort, dass es ihr eigenes Jahr war, und dass sie noch nie so aufmerksam getrunken hatte.

„Dreißig Jahre warten, bis jemand ihn öffnet", sagte sie leise.

„Manches braucht das."

Dann nahm er ihr das Tuch ab, ohne dass sie darum bat, und sie blinzelte ins gelbe Licht der Gewölbelampen. Alexander sah sie an, und sie hielt seinem Blick stand, lange, ohne dass einer von ihnen etwas sagen musste.

„Komm", sagte er schließlich. „Oben ist es wärmer. Und ich habe noch eine Flasche, die ich dir erst zeigen darf, wenn wir die Tür hinter uns geschlossen haben."

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LF
Lena Falk

Schreibt über Stimmen, Rollen und die Macht der leisen Töne. Ihre Geschichten spielen gern zwischen Büro, Telefon und später Abendstunde.

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