Die Stimme um elf
Um 22:59 Uhr saß Jonas bereits auf dem Bettrand, das Handy in der Hand, als hätte er einen Vorstellungstermin. Er wusste, dass es lächerlich war. Er wusste auch, dass er seit drei Wochen an nichts anderes dachte.
Um 23:00 Uhr klingelte es. Nicht eine Sekunde früher, nicht eine später.
„Guten Abend, Jonas."
Mehr brauchte sie nie. Diese Stimme war tief, ruhig und völlig ohne Eile, die Stimme einer Frau, die noch nie in ihrem Leben eine Antwort wiederholt haben wollte.
„Guten Abend, Madame."
„Du bist pünktlich. Das gefällt mir." Sie ließ eine Pause entstehen, in der er sein eigenes Herz hörte. „Hast du die Aufgabe erledigt, die ich dir gestern gegeben habe?"
„Ja, Madame. Ich habe den ganzen Tag nicht auf mein Handy geschaut, außer wenn es dienstlich war."
„Und?"
„Es war schwer."
„Das soll es auch sein." Er hörte, wie sie lächelte. „Heute möchte ich etwas anderes wissen. Und ich möchte, dass du nicht nachdenkst, bevor du antwortest."
Jonas schluckte. „Ja, Madame."
„Warum rufst du nicht mich an, sondern wartest jeden Abend darauf, dass ich dich anrufe?"
Das Schweigen dauerte länger, als es sollte. Er hatte Antworten vorbereitet, kluge, gewandte, ein wenig kokette. Keine davon passte.
„Weil ich dann nichts entscheiden muss", sagte er schließlich leise. „Den ganzen Tag entscheide ich. Hier muss ich nur zuhören."
„Das war ehrlich." Ihre Stimme wurde weicher, aber nicht nachgiebig. „Ehrlichkeit ist hier die einzige Währung, die zählt. Merk dir das."
„Ja, Madame."
„Dann leg dich jetzt hin, schließ die Augen und atme mit mir. Ein. Zwei. Drei. Aus."
Er tat es. Draußen fuhr ein Bus vorbei, irgendwo bellte ein Hund, und in seinem Ohr war nur diese eine Stimme, die ihm sagte, wohin er seine Gedanken legen sollte, wie ein Mensch, der Möbel in einem leeren Raum rückt.
Als sie auflegte, war es 23:41 Uhr. Auf dem Display stand nur ihre Nummer und darunter, wie jeden Abend, dieselbe Nachricht:
Morgen. Elf Uhr. Sei bereit.
Jonas lächelte an die Decke und stellte sich den Wecker auf 22:30 Uhr.