Die Schusterin und der Stiefel
Die Werkstatt lag im Hinterhof und roch nach Wachs, Gerbstoffen und Kaffee, der schon zu lange auf der Platte stand. Hakan stand mit einem Paar schwarzer Stiefel im Arm vor dem Tresen und kam sich vor wie ein Mann, der seine Beichte in Schuhkartonform abgibt.
„Absatz, Sohle, Naht am Schaft", sagte Cornelia, ohne aufzusehen. Sie drehte den linken Stiefel in den Händen, strich mit dem Daumen über die Falten am Knöchel, und er hätte schwören können, dass das Leder aufatmete. „Die haben was erlebt."
„Sie waren Teil einer Uniform", sagte er. „Zwanzig Jahre bei der Bahn. Zugbegleiter. Nach der Pensionierung ..."
„... wollten Sie sie nicht wegwerfen."
„Genau."
„Und jetzt tragen Sie sie zu Hause und freuen sich still."
Hakan öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Cornelia sah nun doch auf. Sie war fünfundfünfzig, grauer Pagenschnitt, Lederschürze, ein Blick wie eine Lupe. „Keine Sorge. Mir bringen Leute ständig Dinge, die sie nicht erklären wollen. Ich frage nicht. Ich reparier."
„Danke", sagte er, und es klang erleichterter, als er wollte.
Drei Tage später stand er wieder da. Die Stiefel standen auf dem Tresen, sie glänzten wie frisch aus dem Wasser gestiegen, die Naht war neu, die Sohle fest, und im Leder lag ein warmer, tiefer Schimmer, den er nie darin gesehen hatte.
„Ich habe sie gewachst", sagte Cornelia. „Dreimal. Mit Bürste, dann mit dem Lappen, dann mit der Hand. Leder muss man spüren, sonst weiß man nicht, was es will."
„Und was will es?"
„Dass jemand sich Zeit nimmt." Sie stützte die Ellbogen auf den Tresen. „Wissen Sie, ich habe in vierzig Jahren viele Männer und Frauen erlebt, die Stiefel brachten, weil sie mehr als Schuhe waren. Eine Erinnerung. Eine Rolle. Manchmal ein Geheimnis, das nur im Spiegel zur Welt kommt." Sie lächelte schief. „Ich halte das nicht für peinlich. Ich halte das für Handwerk. Man liebt, was man gut macht."
Hakan strich mit zwei Fingern über den Schaft. Das Leder war kühl und gab nach, und etwas in seiner Brust zog sich kurz zusammen, ein Gefühl, das nach Dankbarkeit schmeckte und nach etwas Älterem.
„Was schulde ich Ihnen?"
„Vierundachtzig Euro." Sie zögerte. „Und eine Antwort."
„Welche?"
„Ob Sie die Stiefel gern einmal jemandem zeigen würden, der sie zu schätzen weiß." Sie hob eine Braue. „Ich habe donnerstags Feierabend um sechs. Und einen sehr guten Wein."
Er brauchte einen Moment, um zu verstehen, und noch einen, um zu lachen. „Sie fragen mich nach einem Date?"
„Ich frage Sie, ob Sie das Paar vorführen. Das mit dem Date hängt vom Wein ab."
Am Donnerstag kam er um fünf vor sechs, in den polierten Stiefeln, die jeden Schritt auf den alten Dielen zu einem kleinen, würdevollen Ereignis machten. Cornelia hatte das Schild auf Geschlossen gedreht. Sie sah ihn lange an, von oben bis unten, mit einem Blick, der sich Zeit ließ wie ihre Hände.
„Ja", sagte sie. „Der Absatz sitzt."
„Und der Rest?"
„Das klären wir beim zweiten Glas." Sie reichte ihm ein Glas, und ihre Finger streiften seine. „Setzen Sie sich. Lassen Sie mich die Schnürung noch einmal richten."
Er setzte sich. Draußen im Hof leuchtete die Laterne auf, und im Lederregal dufteten sechzig Jahre Handwerk.