Fesseln & Seil

Die Linie aus Hanf

Elke malte seit zwanzig Jahren, und seit zwei Jahren gelang ihr keine einzige Linie mehr, die sie nicht sofort wieder übermalte. Das Atelier unter dem Dach roch nach Leinöl und Terpentin, an den Wänden lehnten halbfertige Leinwände wie Gäste, die den Absprung verpasst hatten.

„Du verkrampfst", sagte Torsten. Er saß auf dem Hocker neben dem Fenster und drehte ein Seilbündel in den Händen, hellbraun, gewachst, so sorgfältig aufgeschossen, dass es aussah wie ein Gedicht. Er war Tischler, sechsundvierzig, und hatte vor einem Jahr beim Abendkurs der Volkshochschule entdeckt, dass man Geduld auch mit Hanf üben kann.

„Ich verkrampfe nicht, ich denke nach."

„Dann denkst du mit den Schultern."

Sie lachte, und es klang gereizter, als sie wollte. „Und was schlägst du vor? Dass ich mich fesseln lasse, damit mir ein Strich gelingt?"

„Ich schlage vor", sagte er ruhig, „dass du einen Nachmittag lang gar nichts gelingen lassen musst."

Sie sah ihn lange an. Dann stellte sie den Pinsel in das Glas, wischte die Hände an der Hose ab und sagte: „Bedingungen."

Er zählte sie auf, ohne dass sie fragen musste. Die Schere lag schon auf dem Fensterbrett, die Spitzen mit Kork geschützt. Wenn die Finger kribbelten, sagte sie Bescheid. Wenn sie „Rot" sagte, war es vorbei, ohne Diskussion. Elke nickte bei jedem Punkt und fühlte, wie etwas in ihrem Brustkorb sich einen Millimeter lockerte.

Das Seil war kühler, als sie erwartet hatte. Torsten legte es ihr um die Schultern, zog es durch, ein leises Rauschen, wie wenn jemand eine Seite umblättert. Er arbeitete schweigend. Sie hörte nur seinen Atem und das Knarren des alten Dielenbodens, wenn er einen Schritt um sie herum machte.

„Was siehst du?", fragte sie irgendwann.

„Eine Frau, die ausnahmsweise nicht korrigiert."

„Hör auf, mir zu schmeicheln."

„Ich beschreibe." Er zog einen Knoten fest, nicht hart, sondern entschieden. „Du hast eine Linie hier, vom Nacken bis zum Schulterblatt. Die habe ich vorher nie bemerkt."

Sie schwieg. Das Seil hielt sie, nicht wie ein Käfig, eher wie eine Hand, die sagt: Ich habe dich. Ihre Gedanken, sonst ein Schwarm aufgescheuchter Spatzen, setzten sich nacheinander auf die Stromleitung und wurden still. Draußen schob sich ein Wolkenrand vor die Sonne, und das Licht im Atelier wurde weich wie Butter.

Eine Stunde später, vielleicht auch zwei, löste er die Knoten einzeln, in umgekehrter Reihenfolge, als läse er einen Satz rückwärts. Er wickelte ihr eine Decke um und stellte einen Becher Tee neben ihre Hand. Elke saß da, mit roten Abdrücken auf der Haut, die aussahen wie eine Schrift, die nur sie lesen konnte.

„Und?", fragte er.

„Gib mir Papier", sagte sie.

Er reichte ihr den Zeichenblock und den Kohlestift vom Tisch. Sie zog einen einzigen Strich, von links oben nach rechts unten, schwungvoll und ohne Zögern. Dann hielt sie inne und betrachtete ihn.

„Den lasse ich stehen", sagte sie leise.

„Siehst du", sagte Torsten.

„Sag nichts", murmelte sie und lehnte sich gegen seine Schulter, die nach Kiefernholz roch. „Sonst übermale ich dich."

Er lachte, und sie spürte es durch seinen ganzen Körper. Auf der Staffelei im Dämmerlicht wartete die erste Leinwand seit zwei Jahren darauf, dass jemand sie ernst nahm. Morgen, dachte Elke. Morgen fange ich an. Heute Abend darf das Seil noch einmal ihm gehören, und der Tee, und die Ruhe.

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LF
Lena Falk

Schreibt über Stimmen, Rollen und die Macht der leisen Töne. Ihre Geschichten spielen gern zwischen Büro, Telefon und später Abendstunde.

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