Der Brief an Sie
Der Brief lag seit drei Tagen in Reinhards Jackentasche, bevor er ihn in das Buch legte. Es war ein Gedichtband von Rilke, Erstausgabe, achtunddreißig Euro, und er hatte ihn nur gekauft, weil ihm kein besserer Vorwand eingefallen war, einen Brief unauffällig in einem Antiquariat zu hinterlassen.
Das Antiquariat gehörte Eva. Sie war achtunddreißig, trug eine Lesebrille an einer Kette und hatte in den vergangenen zwei Jahren eine Art zu schweigen entwickelt, die er heimlich bewunderte. Wenn er ein Buch aufs Pult legte, nahm sie es nicht gleich, sondern betrachtete erst ihn, dann den Titel, dann wieder ihn. Als wüsste sie genau, welche Frage er in Wahrheit stellen wollte.
Er hatte den Brief siebenmal umgeschrieben. Die erste Fassung war ein Roman gewesen, die zweite eine Entschuldigung. Die endgültige hatte nur zwölf Zeilen:
Ich bin einundvierzig und habe noch nie ausgesprochen, was ich mir wünsche. Ich wünsche mir, dass jemand mir sagt, was ich tun soll, und dass dieser Jemand Sie sind. Ich weiß nicht, ob das eine Zumutung ist. Wenn ja, legen Sie das Buch zurück ins Regal, und ich verspreche, dass ich nie wieder davon anfange.
Er stellte sich vor, wie sie die Seite aufschlug. Dann stellte er sich vor, wie sie lachte. Dann stellte er sich nichts mehr vor, weil sein Herz zu laut dafür war.
Drei Wochen lang kam keine Antwort. Er ging nicht mehr in den Laden. Er fühlte sich, als hätte er einen Stein in einen Brunnen geworfen und lausche vergeblich auf das Aufklatschen.
Am zweiundzwanzigsten Tag lag ein Umschlag in seinem Briefkasten, cremefarben, mit einer sorgfältigen, leicht schrägen Handschrift.
Lieber Reinhard,
Ihr Brief hat mich überrascht, und das passiert mir selten. Ich habe ihn dreimal gelesen und einmal laut, im leeren Laden, um zu hören, wie er klingt. Er klingt aufrichtig. Das ist mehr, als ich von den meisten Menschen sagen kann.
Ich bin nicht sicher, ob ich die Frau bin, die Sie suchen. Aber ich bin neugierig, und das ist ein guter Anfang. Kommen Sie am Samstag, achtzehn Uhr, nach Ladenschluss. Bringen Sie nichts mit außer sich selbst. Wir sprechen erst. Über Grenzen, über Worte, über das, was Sie nicht wollen. Alles andere kommt, wenn Sie es wollen und wenn ich es für richtig halte.
Und Reinhard: Das Buch behalte ich. Es war ein sehr gutes Versteck.
Eva
Er las den Brief, bis die Buchstaben verschwammen. Dann lachte er, allein im Treppenhaus, leise und ein wenig zittrig, und merkte erst dabei, dass er die ganze Zeit die Luft angehalten hatte.
Am Samstag stand er um zehn vor sechs vor der Ladentür. Das Schild hing schon auf Geschlossen, aber im Inneren brannte die Leselampe über dem Pult, und er sah sie dort sitzen, mit einer Teekanne und zwei Tassen.
Er klopfte. Sie sah auf, nahm die Brille ab und ging zur Tür. Das Schloss drehte sich, und der Duft von altem Papier und Bergamotte wehte ihm entgegen.
„Sie sind früh", sagte sie.
„Ich konnte nicht schlafen."
„Gut." Sie trat einen Schritt zurück und ließ ihn eintreten. „Das erste, was Sie lernen werden: Pünktlichkeit hat eine Minute vor und eine nach. Zehn Minuten sind Nervosität."
„Das habe ich mir gedacht."
„Das habe ich gemerkt." Sie lächelte, so schmal und so freundlich, dass ihm die Knie weich wurden. „Setzen Sie sich, Reinhard. Wir haben Zeit. Und ich fange an zu fragen."